Veröffentlicht von form am18. Aug 2009
Gutmenschlichkeit
Mit dem Begriff “Gutmensch” werden bisher meist allerlei Leute bedacht, denen eine naive Weltsicht unterstellt wird. Wer nicht glaubt, dass sich Probleme mit Gewalt lösen lassen, ist ein Gutmensch. Also ein Depp.
Wer meint, dass sich Leute nicht aus angeborenem Hass gewalttätiger Mittel bedienen, ist ein Gutmensch. Wer sich traut, zuzugeben, die Welt explizit verbessern zu wollen, ist ein Gutmensch. Wer nicht sofort davon ausgeht, dass die Welt untergeht, weil xy, ist ein Gutmensch.
Wer hin und wieder auch mal langsam tut mit dem Fallbeil der Urteile, ist ein Gutmensch.
Als gäbe es nicht auch manchmal Gründe für bestimmte Sachverhalte. Als würden menschliche Entscheidungen vom Himmel fallen.
Personen, die diesen Begriff benutzen und damit eindeutig sagen, dass es lächerlich, schlecht fürs Image und ingesamt schlecht ist, sich auf die gute Seite der Macht zu stellen, ziehen es meist sogar vor, nicht mal für das Schlechte zu sein. Sondern für gar nichts. Bevor man sich in Widersprüche verwickelt, die man ständig bei den anderen entdeckt und hämisch herumzeigt, hat man lieber gar keine Meinung. Als wäre das größte Problem dieser Welt nicht ihr Zustand, sondern Leute, die etwas daran ändern wollen. Und das auch tun.
Es geht mir dermaßen unfassbar auf den Sack, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es allen Ernstes als Beleidigung aufzufassen ist, wenn man als guter Mensch bezeichnet wird. Wegen der Ironie. Uuuh!
Welch eine Beleidigung für die Ironie, die so vergewaltigt wird. Ironie macht nur Spaß, wenn sie nicht die einzige Kommunikationsform ist. Es ist bisweilen grotesk, wie viel Angst vor einer wirklichen Position aus all den tausenden Ironikern schreit.
Sogar diejenigen, die sich selbst auf der guten Seite wähnen, trauen sich ja oft nicht mal, ernsthaft zu sagen, was sie wollen. Im Leben, in der Welt und sonst so. Weil es lächerlich klingt.
Der Gutmensch nach unserer Auffassung traut sich, Dinge ernst zu meinen. Wieso soll man denn immer so defensiv an seine Weltanschauung herangehen? Wieso sollen die Arschlöcher voller Stolz herausposaunen können, was immer ihnen gerade einfällt, während die Gutmenschen aus Angst, ausgelacht zu werden, ihre Ziele, Träume und Einstellungen im stillen Kämmerlein auf einen kleinen Zettel schreiben?
Auch wenn sich große Teile der Menschheit aufgeklärt wähnen, sind fast überall große Menschenmassen noch entweder homophob oder nationalistisch im Trennungs- und Überlegenheitssinn, rassistisch, sexistisch oder gerechtigkeitsfeindlich. Oder insgesamt dumm. Das muss man aber gar nicht sein, weder das eigenen Leben noch das von als “andere” deklarierten Menschen wird dadurch besser. Im Gegenteil, Menschen werden ausgegrenzt, beleidigt, wenn nicht sogar getötet, weil sie abweichen und damit offenbar Angstreflexe auslösen. Dagegen kann man etwas tun, also tun wir es.
Gutmenschen müssen sehr egalitär sein. Ein Leben ist etwas wert und man sollte nicht zuerst schauen, welche Nationalität zivile Opfer eines bewaffneten Konfliktes haben um sich für oder gegen Empörung zu entscheiden. Eine sehr einfache Annahme, möchte man meinen. Der kategorische Imperativ ist aber auch sehr einfach, umgesetzt wird er dennoch nur von grob geschätzten 15% der Leute.
Wenn man zwar für die Rechte Homosexueller kämpft, aber gleichzeitig ziemlich rassistisch ist (”Araber sind so und so…”), ist man dann besser? Zivilcourage ist natürlich etwas Feines, aber sie soll allen Menschen zugute kommen und nicht nur weißen Familienvätern mit Festanstellung, wie die BILD offenbar meint.
Die Gutmenschlichkeit vereint ganz simpel all diese Kämpfe für das Gute in dem Ziel. Nicht die Ablehnung von schlechten Dingen (rassistische, sexistische und sonstwasistische Einstellungen) ist Sinn und Zweck und Ziel der Gutmenschlichkeit, sondern eine Welt, in der jeder Mensch ein freies Lebewesen sein kann, ohne sich ständig für sein Dasein zu rechtfertigen. Dass man dabei natürlich auch allerlei negatives Gedankengut ablehnen muss, ist selbstverständlich. Im Fokus ist aber die bessere Welt und vor allem ist die Gutmenschlichkeit radikal ganzheitlich.
Jeder kann ein Gutmensch sein. Dazu muss man nicht Marx gelesen haben, man kann das aber sehr wohl tun. Entscheidend ist, wie gehandelt wird. Das heißt mitnichten, dass man nicht auch äußerst bestimmt und bisweilen aggressiv auftreten darf. Die Aggression muss nur einen Zweck haben und sollte sich nicht darauf beschränken, irgendwelche Leute oder am besten noch eigentlich neutrale Personengruppen (Vorarlberger Linkshänder z. B.) persönlich zu beleidigen. Hier sei beispielsweise auf die arrogante Dialektfeindlichkeit mancher selbsternannter Intellektueller hingewiesen.
Die Gutmenschlichkeit hat den Vorteil, dass sie nicht exklusiv ist. Manche Weltverbesserungsgruppierungen haben einen sehr ausschließenden Anspruch, der leider letzten Endes eher nicht so konstruktiv ist. Ist ja schön und gut, die Welt als absolut dunklen Ort und Vergegenständlichung abgrundtiefer Horrorvisionen zu sehen. Ist auch total intellektuell und kritisch und so. Das Problem ist nur, dass diese Erkenntnis allein eben überhaupt nichts ändert. Man sollte vielleicht auch etwas tun, wenn man schon erkennt, wie schlimm es teilweise um die Menschheit bestellt ist. Tut man das nicht, hat man nicht auch nur ein einziges Recht, noch jemals wieder irgendein Urteil abzugeben.
Es ist nicht schwer, die Welt zu verändern. Jeder Mensch ist Teil dieser Welt. Und wenn man sich selbst ändert, hat man auch schon etwas für die Welt getan, also was soll das? Das sollte nicht alles bleiben, aber ganz besonders Radikale, die in ihrer Radikalität dann gar nichts erreichen, sollten nicht arrogant auf die herabschauen, die lieber erst mal zehn Leute dazu bringen wollen, den Stromanbieter zu wechseln. Wenn sie das schaffen, haben sie mehr erreicht als jemand, der daran scheitert, bei Microsoft den Kommunismus einzuführen. Radikale können natürlich trotzdem Gutmenschen sein, es soll sich nur niemand auf irgendetwas irgendetwas einbilden. Wichtig ist der Umgang mit anderen Menschen genauso wie der mit dem Rest der Welt.
All das könnte man auch unter dem gesunden Menschenverstand abhaken. Natürlich. Am Ende ist es auch nicht primär wichtig, wie man es nennt, sondern dass man Gutes tut. Und dass man sich dafür verfickt nochmal nicht entschuldigt. Was im Einzelnen gut ist, kann man nie vorher sagen. Aber hier soll darüber diskutiert werden. Macht mit!





Hey,
erstreckt sich die FICKO’sche Gutmenschlichkeit eigentlich auch auf geschlechtergerechte Sprache?
lg, lenny
Kann ein jedes selbst entscheiden. Ich persönlich finde Feminismus sehr sinnvoll und bezeichne mich auch als Feministen, habe aber des öfteren z. B. ästhetische Probleme mit einer vermeintlich geschlechtergerechten Sprache. “Mensch” statt “man”, das finde ich zu kompliziert, sprachfeindlich und damit kontraproduktiv. Die Idee an sich ist ja schon schlau, nur haperts an einer tauglichen Lösung. Ich versuche das zu vermeiden, indem ich mich gar nicht in die Bredouille bringe, sondern anders formuliere.
Nachdenkenswerte Gedanken. Dank dafür. Viele Grüße Heike Tharun
Yohiooo :]
feine Site, und ein herzliches Danke für das Intro.
Schön zu lesen, das sich da Empfindungen regen, die man selber für erachtenswert hält.
Schöner guter alter Menschenverstand ward genannt, *g*
Also, wenn sich denn ein Gefühl regt, das man innerlich insich steht, und dabei ganz und gar als Mensch erkennbar wird,… (sagen wir mal, von aussen, durch einen Beobachter, der Selbstbewusst, aber am besten nicht Erdlich ist..) da wollen wir hin?!
Ich glaube also, den Wunsch etwas zu tun, aus Gutmenschlichkeit heraus, gebierst du leicht und heiter, wenn dein Weg dir klar, das Leben dir wert ist und du deinen Sinn Frei machen kannst.
Diese muffeligen Gesichter in der U-Bahn…, das sind meistens gar keine, das bist DU ^^
grüße
Christian
Ich glaube, ich kann dir beipflichten, bis auf den göttlichen Touch, den diese nichtirdische Instanz wohl haben muss. Wir wollen Gutmenschen der Menschen wegen sein, nicht um irgendwelchen Wesen zu gefallen.
Achja, an alle: Hier stand ein Haufen Kommentare, der ist hoffentlich nicht weg, sondern nur mit dem Serverumzug verschütt gegangen. Es folgt auch noch viel mehr zur Gutmenschlichkeit, nur gab es da noch technische Probleme, die hoffentlich bald mal behebt sind.
jau,
einem solchen Ausserirdischen Gefallen müssen wir nicht, aber wenn wir ihn treffen, nach seiner Meinung ein Bild von uns zu Erfahren, wäre der Mühe nicht nur Wert, sondern eben auch essentiell, um zu verstehen, was uns eigentlich ausmacht.
Wer sind wir, wer ist der Mensch…
Solange wir das nicht beantworten können, ändert sich nicht der Anspruch an uns selber, nämlich das Beste zu tun, was in uns liegt, und das ist primär produktiv.
Das entsprechende Gleichniss dafür finden wir in unserer Mutter Natur, wo nicht einfach nur der “Kampf ums Dasein”, “Überleben des Stärkeren” herrscht, sondern eine Symbiose, und ein Einverständniss von Leben, das sich selbst behauptet und das Beste aus der Kombination Lebenswelt und Nichtlebenswelt macht…
Können oder dürfen wir uns daran noch ein Beispiel nehmen, wo wir doch schon erheblich aus dem natürlichen Rahmen ausscheiden? Ich glaube ja, denn unsere Wurzeln liegen alle zusammen dem Lebendigen.