Gutmenschlichkeit

Mit dem Begriff “Gutmensch” werden bisher meist allerlei Leute bedacht, denen eine naive Weltsicht unterstellt wird. Wer nicht glaubt, dass sich Probleme mit Gewalt lösen lassen, ist ein Gutmensch. Also ein Depp.
Wer meint, dass sich Leute nicht aus angeborenem Hass gewalttätiger Mittel bedienen, ist ein Gutmensch. Wer sich traut, zuzugeben, die Welt explizit verbessern zu wollen, ist ein Gutmensch. Wer nicht davon ausgeht, dass die Welt untergeht, weil xy, ist ein Gutmensch.
Wer hin und wieder auch mal langsam tut mit dem Fallbeil der Urteile, ist ein Gutmensch.
Als gäbe es nicht auch manchmal Gründe für bestimmte Sachverhalte. Als würden menschliche Entscheidungen vom Himmel fallen.

Personen, die diesen Begriff benutzen und damit eindeutig sagen, dass es lächerlich, schlecht fürs Image und ingesamt schlecht ist, sich auf die gute Seite der Macht zu stellen, ziehen es vor, nicht mal für das Schlechte zu sein. Sondern für gar nichts. Bevor man sich in Widersprüche verwickelt, die man ständig bei den anderen entdeckt und hämisch rumzeigt, hat man lieber gar keine Meinung. Als wäre das größte Problem dieser Welt nicht ihr Zustand, sondern Leute, die etwas daran ändern wollen. Und das auch tun.

Es geht mir dermaßen unfassbar auf den Sack, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es allen Ernstes als Beleidigung aufzufassen ist, wenn man als guter Mensch bezeichnet wird. Wegen der Ironie. Uuuh!
Welch eine Beleidigung für die Ironie, die so vergewaltigt wird. Ironie macht nur Spaß,
wenn sie nicht die einzige Kommunikationsform ist. Es ist bisweilen grotesk, wie viel Angst vor einer wirklichen Position aus all den tausenden Ironikern schreit.
Sogar diejenigen, die sich selbst auf der guten Seite wähnen, trauen sich ja oft nicht mal, ernsthaft zu sagen, was sie wollen. Im Leben, in der Welt und sonst so. Weil es lächerlich klingt.
Der Gutmensch nach unserer Auffassung traut sich, Dinge ernst zu meinen. Wieso soll man denn immer so defensiv an seine Weltanschauung herangehen? Wieso sollen die Arschlöcher voller Stolz herausposaunen können, was immer ihnen gerade einfällt, während die Gutmenschen aus Angst, ausgelacht zu werden, ihre Ziele, Träume und Einstellungen im stillen Kämmerlein auf einen kleinen Zettel schreiben?

Wenn man zwar für die Rechte Homosexueller kämpft, aber gleichzeitig ziemlich rassistisch
ist, ist man dann besser? Zivilcourage ist natürlich etwas Feines, aber sie soll allen Menschen zugute kommen und nicht nur weißen Familienvätern mit Festanstellung.

Die Gutmenschlichkeit vereint ganz simpel all diese Kämpfe für das Gute in dem Ziel. Nicht die Ablehnung von schlechten Dingen (rassistische, sexistische und sonstwasistische Einstellungen) ist Sinn und Zweck und Ziel der Gutmenschlichkeit, sondern eine Welt, in der jeder Mensch ein freies Lebewesen sein kann, ohne sich ständig für sein Dasein zu rechtfertigen. Dass man dabei natürlich auch allerlei negatives Gedankengut ablehnen muss, ist selbstverständlich. Im Fokus ist aber die bessere Welt und vor allem ist die Gutmenschlichkeit radikal ganzheitlich.
Jeder kann ein Gutmensch sein. Dazu muss man nicht Marx gelesen haben, man kann das aber sehr wohl tun. Entscheidend ist, wie gehandelt wird. Das heißt mitnichten, dass man nicht auch äußerst bestimmt und bisweilen aggressiv auftreten darf. Die Aggression muss nur einen Zweck haben und sollte sich nicht darauf beschränken, irgendwelche Leute oder am besten noch eigentlich neutrale Personengruppen (Vorarlberger Linkshänder z. B.) persönlich zu beleidigen.

Die Gutmenschlichkeit hat den Vorteil, dass sie nicht exklusiv ist. Manche Gruppierungen haben einen sehr ausschließenden Anspruch, der leider letzten Endes eher nicht so konstruktiv ist. Ist ja schön und gut, die Welt als absolut dunklen Ort und Vergegenständlichung abgrundtiefer Horrorvisionen zu sehen. Ist auch total intellektuell und kritisch und so. Das Problem ist, dass diese Erkenntnis allein eben überhaupt nichts ändert. Man sollte vielleicht auch etwas tun, wenn man schon erkennt, wie schlimm es teilweise um die Menschheit bestellt ist. Tut man das nicht, hat man nicht auch nur ein einziges Recht, noch jemals wieder irgendein Urteil abzugeben.
Es ist nicht schwer, die Welt zu verändern. Jeder Mensch ist Teil dieser Welt. Und wenn man sich selbst ändert, hat man auch schon etwas für die Welt getan, also was soll das? Das sollte nicht alles bleiben, aber ganz besonders Radikale, die in ihrer Radikalität dann gar nichts erreichen, sollten nicht arrogant auf die herabschauen, die lieber erst mal zehn Leute
dazu bringen wollen, den Stromanbieter zu wechseln. Wenn sie das schaffen, haben sie mehr erreicht als jemand, der daran scheitert, bei Microsoft den Kommunismus einzuführen. Radikale können natürlich trotzdem Gutmenschen sein, es soll sich nur niemand auf irgendetwas irgendetwas einbilden. Wichtig ist der Umgang mit anderen Menschen.

All das könnte man auch unter dem gesunden Menschenverstand abhaken. Natürlich. Am Ende ist es auch nicht primär wichtig, wie man es nennt, sondern dass man Gutes tut. Und dass man sich dafür verfickt nochmal nicht entschuldigt. Was im Einzelnen gut ist, kann man nie vorher sagen. Aber hier soll darüber diskutiert werden.