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Ein Buchtipp, eher ein Buchbefehl

Ein Buchtipp, eher ein Buchbefehl

Cool ey, andere haben sich auch schon die Mühe gemacht, etwas zu diesem großartigen Machwerk zu verfassen. Dann kann ich mir die Basics sparen, sowas kann ich eh nicht so gut.

Malte Weldings Buch “Frauen und Männer passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte. Warum die Liebe trotzdem glücklich macht.” ist ein gutmenschliches Werk der reinsten Machart. Ich verstehe zwar nicht, wie der Titel zustande kommt, denn zu Recht wird in und zwischen den Zeilen quasi permanent auf simpelste Gedankengänge à la Barbara und Allan Pease [verdammte Fickscheiße, google gibt mir 50 Seiten nur mit Verkaufslinks zugemüllt; wer einen guten Artikel zu den beiden hat, bitte in die Kommentare] eingedroschen. Bzw. natürlich nicht geprügelt, sondern ganz einfach entspannt und mitleidig über den Kopf gestreichelt, dann aber auch kräftig in den Arsch getreten, eine knallende Ohrfeige verpasst, um dann ruhig und sanft Argumente vorzutragen.

Er behauptet eigentlich überhaupt nicht, dass Frauen und Männer nicht zusammenpassen, sondern zeigt viel eher äußerst anschaulich und mit den Beispielen seiner exemplarischen Protagonisten, wie offen der Arsch unserer heutigen Gsichtsbook- und Narzissmuswelt ist. Und was eigentlich das Problem ist, ob und warum wie anders oder gar nicht mehr geliebt wird. Das Stadtleben, absurder Körperkult, Stress unterschiedlichster Herkunft, Einsamkeit und sowas. Wie so gut wie alle unter der jetzigen Situation leiden, in der wildfremden Leuten gleich die schlimmsten Traumata reingedrückt werden, aus lauter Angst ums Image schon gar nicht mehr all das gemacht werden darf, was Spaß macht und insgesamt das Fremdbild handlungsbestimmend ist. Malte beschreibt all das ohne Alarmismus, ohne sich selbst auf den Feldherrnhügel zu stellen, also auch da gutmenschlich.

In einem herrlich respektlosen Ton voller Punchlines und Wie-Vergleiche, der mich jedes Mal jauchzen lässt, werden en masse Studien zum Sexualverhalten, zur momentanen Unvereinbarkeit von Kindern und äh Leben bzw. eigentlich von Arbeit und Leben und einfach insgesamt die ziemliche Zerficktheit der Gesellschaft sehr treffend analysiert und beschrieben. Gerade das Kapitel zur narzisstischen Gesellschaft hat es mir angetan. Habe ich doch nun ein Vokabular für all das, was sowieso schief läuft; was ich nur bisher nicht richtig benennen konnte.

Es sei auf den Vorabdruck in der Berliner Zeitung hingewiesen, der sich mit dem Feminismus auf einer ganz pragmatischen Ebene befasst. Auch hier wieder alles sehr gutmenschlich, wie ich finde. Lustiger- und für manche wohl auch praktischerweise ist das Buch als Ratgeber aufgebaut. Mit immer wieder eingestreuten, esssenziellen Tipps wie:

“Wenn Sie depressiv sind, gehen Sie in eine Therapie. Wenn nicht: Reißen Sie sich mal zusammen, das ist ja nicht zum Aushalten!

Seien Sie mal ein bisschen oberflächlich statt so grauenhaft innerlich, tun Sie einfach so, als wohnten Sie in Preußen oder Sparta oder säßen bei einem Dinner in der japanischen Botschaft. Nein, erzählen Sie jetzt nicht von ihrem Psychowust, seien Sie charmant, und lächeln Sie, verbergen Sie ihre Gefühle, und vögeln Sie Friedrich den Zweiten nachher im Weinkeller.”

Das ist natürlich nicht der einzige Ratschlag, aber der bringt es schon gut auf den Punkt. Einfach mal von der Realität ausgehen und auch wieder zu ihr zurückkehren, statt sich das sowieso schon ausreichend komplizierte Leben auch noch mit völlig unnötigem Schwachsinn noch schwerer zu machen. Sich seiner tatsächlichen Probleme bewusst werden statt elendig rumzueiern, noch viel mehr zu jammern, ohne etwas zu tun und einfach extrem auf den Sack zu gehen. Stadtkinder wissen nicht, was wichtig ist. Aber ich habe auch in Mainz schon haufenweise Leute getroffen, die wirklich von ihrer Angst regiert werden (vor Nähe, vor sich selbst, vor dem Leben, vor dem Wetter, vor dem Essen [fettarme Butter, ich fang gleich an zu schreien]), diese jedoch natürlich völlig anders präsentieren, so dass sie wunder was wie selbstbewusst wirken usw.

Ich könnte jetzt noch viel mehr schwärmen, aber dann ist der Text wieder so lang und ihr habt ja alle keine Zeit, nicht wahr? Es warten ja noch eine 60Stunden-Arbeitswoche mit unbefristetem Vertrag, vierzig Referate, dreihundert unbezahlte Praktika, die zwei ungeklärten Affären, der Arzt, die vielen Partys und der Partner beschwert sich auch schon.

Ein paar Auszüge des Buches kann man sich auch anhören oder herunterladen.

Achja, nicht zu vergessen die Lesung. Wenn ihr in Berlin wohnt und auch irgendwohin geht, ohne mit dem Rücken zur Bühne an der Bar laut zu reden, dann kommt am Mittwoch den 15. 12. um 18:30 Uhr zum Berliner Verlag, Karl-Liebknecht-Straße 29, 10178 Berlin. Dort liest Malte aus dem Buch, der Eintritt ist frei.

Kauft es! Kauft nicht bei amazon, aber kauft und lest es. Und schenkt es allen Freunden. Wenn sie nicht blöd sind, können sie auch was damit anfangen. Und wenn sie blöd sind, dann sucht euch bessere Freunde.

Andere meiner Lieblingstexte von Malte:

Eine wirklich wahre Weihnachtsgeschichte

Nerv´mich doch! (Zur Leitkulturdebatte)

Der Liebestöter (Episch. Nicht epic, episch.)

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2 Responses to “Ein Buchtipp, eher ein Buchbefehl”
  1. [...] Auch der Rapper form mag es: “In einem herrlich respektlosen Ton voller Punchlines und Wie-Vergleiche, der mich jedes Mal jauchzen lässt, werden en masse Studien zum Sexualverhalten, zur momentanen Unvereinbarkeit von Kindern und äh Leben bzw. eigentlich von Arbeit und Leben und einfach insgesamt die ziemliche Zerficktheit der Gesellschaft sehr treffend analysiert und beschrieben. Gerade das Kapitel zur narzisstischen Gesellschaft hat es mir angetan. Habe ich doch nun ein Vokabular für all das, was sowieso schief läuft; was ich nur bisher nicht richtig benennen konnte.” Den Kaufbefehl bringt er auf den Punkt mit dne Worten: “Ich könnte jetzt noch viel mehr schwärmen, aber dann ist der Text wieder so lang und ihr habt ja alle keine Zeit, nicht wahr? Es warten ja noch eine 60Stunden-Arbeitswoche mit unbefristetem Vertrag, vierzig Referate, dreihundert unbezahlte Praktika, die zwei ungeklärten Affären, der Arzt, die vielen Partys und der Partner beschwert sich auch schon.” [...]

  2. Molly Molly sagt:

    Das Buch ist so unterhaltsam, Herz hüpfend und Kopf ununterfordernd, dass es – trotz des unsäglichen Covers, das einem die Schamesröte in der S-Bahn ins Gesicht und einen selbst dazu treibt, das Buch in Embrionalstellung auf die Oberschenkel gepresst zu lesen. Sich die verklemmte Lesetechnik aber nach der ersten Seite in vor Stolz gereckte rechte Winkel-Arme mit freier Sicht aller Mitfahrer auf das strahlende Ding verwandelt. Ähhm ja, und weil Sätze zu Ende machen geil ist: “…dass es – trotz … – im Metropolis Cinestar in Frankfurt aus dem Foyer rausgeklaut wurde. Dagegen ist der Grimme Preis ein Buchgutschein vom Lesewettbewerb in der 8ten Klasse.

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