Veröffentlicht von Molly am17. Aug 2010
Postsecret
„You are invited to portray a secret on this postcard. No restrictions are made on the content of the secret; only that it must be completely truthful and must never have been spoken before.” – Eine Blanko-Postkarte. Die Empfangsadresse aufgedruckt. Ausgelegt an öffentlichen Plätzen.
Es gibt Ideen, die hätte man gerne selber gehabt. Meistens gleich ist diesen Ideen, dass sie zeitlos sind, sich profitabel oder zumindest risikolos umsetzen lassen und irgendwie die Welt ein bisschen schöner machen. Wenn man es etwas pathetischer klingen lassen mag auch: ‘besser’. Dinge, die die Welt besser machen. Zumindest die kleinen, einzelnen Monowelten von Menschen. So ganz allgemein und so ganz speziell. Gelogen wäre es nicht.
So ein Ding ist „PostSecret“: Eine dieser Ideen, auf die man seit Nächten wartet, aber meist in maximal „Geil, wir machen einen Cateringservice für Tiere aus Mett auf. Oder Gegenstände und Landschaften. Das wird laufen wie Bolle!“ enden. Es scheitert an Lebensmittel- und Gesundheitsvorschriften, fehlendem Startkapital, Nüchternheit oder der nüchternen Einsicht einer ernüchternden Nachfrage.
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Abgesehen von der Großartigkeit von PostSecret als „Ding“, ergibt sich die Großartigkeit von PostSecret als „Idee“ aus eben ihrer Nichtzugehörigkeit zu vorangeschriebenen Problemen. Sie verstößt weder gegen Lebensmittelgesetzte, benötigt minimales Startkapital, was das finanzielle Risiko maultot macht, macht betrunken und nüchtern Spaß und die Nachfrage scheint menschennatürlich gegeben unendlich. Jeder Mensch hat ein Geheimnis. Ein wirkliches. So klein und unbedeutend es zu sein scheint. So groß und belastend es sein mag. Irgendetwas, das tatsächlich kein anderer Mensch von einem Menschen weiß.
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Die Palette ist unendlich. Unausgesprochene Gefühle, Gedanken, Handlungen – passiv und aktiv. Die Postkarten sind komisch, verwirrend, ergreifend, erheiternd, vertraut, unvorstellbar, nachvollziehbar, beängstigend und schön.
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Es ist eine ungewohnte Freude endlich mal etwas über Adjektive zu definieren, wie dieses etwas IST, anstatt mit der Negation, was es alles NICHT IST. PostSecret ist ein „Ist-Projekt“. Es schenkt dem Betrachter Momentaufnahmen von Ist-Zuständen. Menschlichen Ist-Zuständen zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort. Ohne Agenda, Vorgeschichte, sonstige demografische Merkmale oder ellenlange Diskussionen. Ein kleines Stückchen Freiheit für den Absender und ein kleines Stückchen Freude, Hilfe, Verständnis vielleicht auch Ärger für den nicht definierten Adressaten. PostSecret urteilt nicht, es werden keine wie auch immer und von wem auch immer erdachten Bußen verhängt, es geht nicht um die Buße, sondern erst mal das Herz zu lehren. Auf einer Postkarte der Ausstellung liest man: „I’m only attracted to black women. I am white.” In der rechten Ecke steht mit Bleistift: „It’s O.k.“. Ein Besucher hat es ergänzt.
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Eins bleibt noch zu sagen: PostSecret ist so ein meta-Ding. Der Mensch über den Menschen. Aber es scheint nicht die Sensationsgier und das Aufgeilen am Schicksal anderer zu sein, was den Reiz und die Anziehungskraft der Postkarten ausmacht. Herzerhellend hat es nichts, aber auch gar nichts mit der Art von – im Fernsehen boomend – Reality- und Semi-Reality-Formaten zu tun, in denen der Gescheiterte die noch Gescheiterteren anschaut und sich vielleicht für 30 Minuten besser fühlt. Oder der noch nicht Gescheiterte den bereits Gescheiterten betrachtet und das eigene Leben und sich selbst – so im Vergleich – plötzlich ganz erträglich findet. Den Reiz an PostSecret scheint genau das Gegenteil auszumachen. Die Empathie, das Wiedererkennen und das nicht Wiedererkennen, was aber keine eigene Tollfinderei verursacht, da die Karten mehr Wahrhaftigkeit bergen als ein telemedial aufgemotzter missglückter Lebensentwurf. Die Postkarten sind auf eine genuine Weise konstruiert, die kaum ein Fake erreichen kann. Wer schon mal versucht hat Kinderzeichnungen zu faken, weiß wovon ich rede. Es geht nicht. Jeder erkennt, welches Bild von einem Kind gezeichnet ist, welches von einem Erwachsenen. Es scheint eine Art universellen menschlichen Spürsinn für Genuinität zu geben. Und es scheint ein ebenfalls verbreiteter Wesenszug des Menschen zu sein, echten Menschen grundsätzlich eine gewisse Sympathie entgegenzubringen. Siehe Katzenberger.
Der Erfinder des Ganzen heißt Frank Warren und begann 2005 seine Blanko-Postkarten an öffentlichen Plätzen auszulegen. Es kamen Tausende retour. Immernoch, bis Heute. Jeden Sonntag werden 10 neue Postkarten auf dem Blog gepostet http://www.postsecret.com/. Und sei es nur das Geheimnis, dass man Angst davor hat keines zu haben.





Das hast du sehr sehr schön gesagt
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