Veröffentlicht von illoyal am20. Jul 2010
Personal Obersalzberg
Zu Beginn letzter Woche war ich zu Gast im schönen Oberbayernland und fühlte mich sogleich von ganz besonderen politischen Klimata umweht.
Da die in der Alpenluft für gewöhnlich reiner, unverfälschter, gar würziger zu wehen pflegen, konnte mir Opi den Wunsch, den Obersalzberg zu Berchtesgaden zu besuchen, nicht abschlagen. Er wohnt schließlich nur etwa vierzig Kilometer weg und im Vergleich zur vorgeschlagenen Seilbahntour ist mein Anliegen verfilmter beziehungsweise fleischgewordener Bildungsroman.
(Jetzt Präsens) In das Tal, das ich am Vortag nur aus der Ferne und über den prallen Teller Wurstsalat auf einer Alm hinweg erspähen konnte, geht es mit hoher Drehzahl hinein, nicht in seinen Schoß, eher in Richtung Scheitel oder Rückenhaaransatz. Wir fahren hinter einem verwaisten Amphibienfahrzeug, das sich eher durch die Tarn- als die Schlandfarbenen Aufdrucke vom Auto- und Motorradornat abhebt, durch die Geburtsstätten der versammelten Eissporteminenz inklusive Hackl-Schorsch und Friesinger-Anni. Ich werde fachkundig eingewiesen, dass sogar der sich eminent in den klaren Himmel stemmende Watzmann Kinder und Frau hat: Seine Seitenkämme.
Berchtesgaden breitet sich in die Tiefe vor den einfahrenden Autos aus, Häuser klammern sich übereinandergestapelt in die Hänge und folgen bereitwillig der Straße. Im Tal biegen wir am Schild „Kehlstein/Obersalzberg“ links ab, sogleich wieder rechts und schlurfen langsam haarnadelige, begrünte Serpentinen hinauf. So geht das eine ganze Zeit lang. Links geht es irgendwann steil abwärts zum Golfclub (spielen die an diesem Hang?!), geradeaus eröffnet sich vor uns das, was vor den umfangreichen Konfiszierungs- und Sprengungsaktionen zwecks Umgestaltung zum Hitler-Hauptquartier Mitte der Dreißiger Jahre eine Ortschaft namens Obersalzberg war. Was ist es heute? Na klar: Ein Parkplatz (Eine Nutzungsform, die in ihrer Effizienz sicherlich auch zweite Wahl der Nazi-Reichsleitung nach Hauptquartiererrichtung gewesen wäre.)
Hintan ein historisches Dokumentationszentrum, vorne heraus Souvenirshops, T-Shirts, Filzmützen, Postkarten und ein Wirtshaus mit Panoramablick über den Parkplatz auf die Berglandschaft.
Für uns interessant: Dem Parkplatz sind ein Tickethaus und ein Parkplatz angegliedert. Auf dem stehen offizielle Busse, die man mit entsprechendem Ticket (Abfahrtszeit und Busnummer festgelegt) besteigen darf. Übrigens laden schon andere Reiseunternehmen hier an einem Wochentag Busladungen voll vornehmlich amerikanischer und ungarischer Touristen für die nächste, quasi halbfinale Busfahrt ab.
Nach dreißig Minuten warten ist es 12:15 und Bus 3 wird nach und nach befüllt. Auch mit uns. Es ist heiß draußen, drinnen auch. Rufe nach der Klimaanlage werden laut, Körpergerüche insbesondere von der etwas angestrengten vierköpfigen Familie in der Sitzreihe neben uns zumindest zimmerlaut. Riecht nach Muttersein und Kleinfamilie, leicht faulig durch die Niveacreme hindurch. Der Sohn drückt sein Gesicht in die Kopfschmiere an der Scheibe und wird sofort von der Mutter gescholten – Papa sieht das natürlich nicht so eng und kriegt auch noch seine Schelte. Rechts neben dem schmal gewundenen Pfad den Berg hinauf hat man wirklich erhabene Ausblicke auf oben leicht beschneites Gestein und links am Rand den Königssee. Der Bus schraubt sich unerschrocken die Höhenmeter-Anzeigetafeln hinauf bis er die nächste Plattform erreicht. Dort lässt der Reisende die gewünschte Abfahrtszeit (im Rahmen der maximalen Verweildauer) auf den Fahrschein stempeln und stellt sich in die letzte abzuwartende Reihe vor Eintritt in das, was jetzt gefühlt die Innereien der Hitler-Diktatur gewesen sein sollten: Den feuchten Schacht, der zum durch den Fels gehauenen, marmorverkleideten Aufzug führt, der 122 Meter hoch auf die Gipfelhütte fährt. Wohlgemerkt führt der Weg hier herein an einem Kiosk vorbei. Das erste, was, einmal ausgestiegen, in der Hütte vor meiner Nase vorbeiläuft, ist ein Teller voll Schnitzel und Pommes frites. Das für Reichsleiter Martin Bohrmann so prestigeträchtige und immerhin umgerechnet 150 Millionen Euro teure Kehlsteinhaus, am Gipfel unserer Tour, war ja gar nicht der Hauptempfangsort Hitlers für Diplomaten, wie ein paar sehr überschaubare Fototafeln darlegen. Alles nur Gerüchte!
Die Sicht und auch das Lüftchen sind wohlgemerkt wirklich einmalig, Schnitzel-Fritten sparen wir uns dann aber, ich bin zu uninspiriert, um an der Basisstation mit amerikanischem Akzent nach den, naja, wirklichen Souvenirs unter dem Ladentisch zu fragen, lasse mir in Berchtesgaden noch ein wunderbares Spanferkel schmecken und verlebe noch einen hervorragenden Nachmittag und Abend, bevor ich wieder die Heimreise antrete. (Am Abend gibt es dann doch noch Schnitzel und Pommes frites)
Seit der Heimfahrt mache ich es auch wieder wie vorher: Ich suche nicht an historischen Orten nach etwaigem Hitler-Spirit, sondern einfach nächstliegend auf Parkplätzen und auf Autobahnen. Die haben wir dem ja auch zu verdanken. Da findet sich dieser unangenehme Fäulnishauch immer irgendwo.





“Berchtesgaden breitet sich in die Tiefe vor den einfahrenden Autos aus, Häuser klammern sich übereinandergestapelt in die Hänge und folgen bereitwillig der Straße.”
Schönster Satz.
Ich war da mal Golf spielen. Sehr anstrengend. Da gabs doch jetzt auch diesen kleinen “Skandal” mit der Kapelle in der Marmorplatten aus dem Führerberghof verbaut wurden. Ist das noch aktuell in der Region?
Von Skandal war da in meiner Gegenwart nichts zu spüren!
Führermarmor. Ein erhabenes Gefühl beim Beten!