Veröffentlicht von Sermin am18. Jul 2010
Grün – eine Farbe der Hoffnung?
Heshmat Tavakoli und die Grüne Bewegung im Iran
Ich bin pünktlich. Es ist elf Uhr. Um Elf sind wir verabredet. Herr Tavakoli und ich. Heshmat soll ich ihn nennen. Er steht bereits vor dem Café und liest sich einen Aufsteller durch, als wäre es ein interessantes Plakat, ein wichtiges Dokument. Wir begrüßen uns herzlich mit einem festen Händedruck und laufen in einen gemütlichen Hinterhof der zum Café gehört.
Es ist jetzt fast ein Jahr her, der 12. Juni 2009. Der Tag an dem tausende von Menschen im Iran auf die Straße gingen, um den Regierungschef Mahmut Achmadinedschad aufzufordern seinen Wahlbetrug zuzugeben und den Menschen im Iran die Freiheit zu schenken. Bereits in den ersten Tagen wurden zahlreiche Menschen verletzt und andere mussten sogar mit ihrem Leben zahlen. Wenn an die Bilder in den Medien gedacht wird, sieht man junge Menschen mit medizinischem Mundschutz, die versuchen ihr Gesicht zu verstecken, um nicht erkannt zu werden. Damit niemand dem Ruf nach Freiheit ein persönliches Gesicht geben kann. Denn eins steht fest, das Gesicht der Demonstrationen sind fast alle Menschen im Iran.
„Seit 1984 war ich nicht mehr im Iran!“, antwortet Heshmat. Seit diesem Tag an hat sich viel verändert. „Es war eine andere Begegnung mit dem Iran. Damals war noch Mousavi Ministerpräsident.“, stellt Heshmat fest. Die ganze Familie Tavakoli ist noch immer dort. Die Eltern und seine acht Geschwister. Heshmat Tavakoli, ein politsch verfolgter Iraner. Er organisiert Mahnwachen, Demonstrationen oder Lichterketten in Mainz, wenn auch nicht immer mit der Unterstützung der Lokalpolitiker. Er ist aktiv bei der Mainzer Basis von Iran-Isip, International Solidarity for Iranien People, was als Podium für die ganze Opposition verstanden werden will. Zudem ist er Mitglied bei Attac und Amnesty International. Er gestaltet Lokalpolitik mit und ist ziemlich erfolgreich. Man kennt ihn.
„Im Vergleich zu anderen Migrationsgruppen in Deutschland gehören die Emigranten aus dem Iran seit Jahrzehnten, insbesondere seit Anfang der achtziger Jahre, im Bereich der Exilpolitik und Selbsthilfeorganisationen zu den aktivsten Gruppen, was unter anderem daran liegt, dass die meisten iranischen Flüchtlinge bereits im Iran in organisierter Form politisch bzw. gewerkschaftlich aktiv gewesen sind und nach ihrer Vertreibung ihre politischen Aktivitäten im Exil fortsetzen wollten.“, so Proasyl über iranischen Asylanten in Deutschland.
Der Iran hat 72 Millionen Einwohner mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren. Es scheint als sei das der Grund, weshalb die Proteste einen solchen Wiederhall gegeben haben. Heshmat ist nicht überzeugt davon. „Wichtiger sind die privilegierten Kinder aus Teheran. Diese haben die finanziellen Möglichkeiten, Handys, Internet, um innerhalb ihrer Community Daten auszutauschen. Rapmusik, die in Paris veröffentlicht wird, kann man kurze Zeit später auch in Teheran kriegen. Jedoch nicht offiziell.“ Unter diesem Kreis sind selbstverständlich auch Studenten. Im Westen wird die Grüne Bewegung als reine und erfolgreiche Studentenbewegung bekannt. „Die Grüne Bewegung, das sind Sozialisten. Nicht nur Studenten. Sie haben andere Forderungen wie sie in westlichen Medien deutlich werden.“ Der Sturz der Regierung allein, ist nicht der Grund weshalb tausende von Menschen protestieren. „Es ist die Angst“, sagt Heshmat mit einem ernsten Blick. „Sie haben Angst, was sie trinken, welche Musik sie mit sich tragen oder was sie für Mode anhaben.“
Heshmat lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland. Er musste damals aus dem Iran flüchten, weil er ein politischer Aktivist war, der sich öffentlich gegen die Regierung stellte. An der türkischen Grenze wurde er festgenommen und daraufhin in einer Kaserne gefoltert. In einem Waschraum musste er über mehrere Tage stehen und durfte nicht schlafen. Das Wasser stand ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, bis zu den Knien. Dank der Mitgliedschaft bei Amnesty International wurde er nach einigen Tagen frei gekauft und nach Deutschland gebracht.
In der Zeit des Ersten Golfkrieges, dem Krieg zwischen dem Iran und dem Irak, war der heutige Oppositionsführer Mousavi Ministerpräsident. „Die Brutalität in dieser Zeit ist dieselbe wie heute. „Man darf nur nichts sagen, weil er der Oppositionsführer ist.“ Unter Mousavi wurden ebenfalls Studentenbewegungen niedergeschlagen, Frauen unterdrückt schlimmer noch, Menschen öffentlich hingerichtet. „Er hat sich bis heute nicht dafür entschuldigt.“ spricht Heshmat mit bebender Stimme. Und jetzt macht er sich die Grüne Bewegung zu Eigen. Mousavi ist heute der Oppositionsführer und das Gesicht, welches die Grüne Bewegung im Westen repräsentiert.
Via Blogs, Twitter oder Youtube gehen die Bilder der Demonstranten um die Welt. Die Demonstranten selbst sind es, die die Medien auf dieses Ereignis aufmerksam machen wollen. Endlich steht man dazu, dass man gegen die Regierung ist. „ Es ist heute klar zu wem du gehörst, entweder zur einen Seite oder zur anderen Seite. Früher war das nicht möglich.“ betont Heshmat.
„Abweichende Meinungen wurden weitgehend unterdrückt, sei es durch vage formulierte Gesetze oder durch hartes Durchgreifen. Demonstrationen hatten in vielen Fällen Massenfestnahmen und unfaire Gerichtsverfahren zur Folge.“ So Amnesty International in einer offiziellen Stellungnahme zum Iran. Das war auch die Folge der Proteste im Juni 2009. Massengerichtsverhandlungen. Oder wie Heshmat sagen würden: „Schauprozesse!“. „1988 musste mein Bruder wegen mir viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Er wurde ebenfalls gefoltert. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht in Europa, ich war untergetaucht. Nach Jahren haben wir ihn dann freikaufen können.“
Die Grüne Bewegung ist der zivile Widerstand in der reinsten Form. Menschen gehen auf die Straße, um für das grundlegendste zu kämpfen was ein Mensch einfordern kann: Freiheit! „Eine Demonstrationskultur wie wir sie in Deutschland leider nicht haben.“ Stellt Heshmat mit enttäuschter Miene fest. Sie müssen nicht nur Angst haben, was mit ihnen selbst geschehen könnte, auch ihre Familien sind wie in Heshmats Fall davon betroffen.
Laut der Iranischen Verfassung darf der Ministerpräsident zwei Legislaturperioden regieren. Es stellt sich also die Frage, wer 2013 der Nachfolger Mahmut Achmadinedschads wird. Heshmat lacht und sagt „Achmadinedschad hat eine Klientel-Macht hinter sich versammelt.“ Es sind nicht nur Wirtschaftsmächte die hinter ihm stehen oder die Mullahs verschiedener Organisationen, es sind auch arme Bauern, die Achmadinedschad schaffte für sich zu mobilisieren. „Er kann jederzeit diese Klausel ändern“ und dann im schlimmsten Fall so lange wie es ihm passt, den Iran regieren.
Die Grüne Bewegung im Iran, nein die Bewegung aller Iraner die sich auflehnen, ist beeindruckend. Die Farbe Grün steht hier nicht nur für den Islam, sie steht auch für die Hoffnung. Die Hoffnung, die weder die Demonstranten, noch Heshmat aufgegeben haben.





Vielen Dank für diesen Beitrag, Sermin. Dafür, dass du den Menschen im Iran deine Stimme leihst!
Ein paar Anmerkungen:
Der Posten des Ministerpräsidenten wurde mit dem Ende der Amtszeit Mussavis abgeschafft. Heute gibt es nur noch den des Präsidenten.
Wenn Herr Tavakoli sagt, dass die Grüne Bewegung aus Sozialisten besteht, bringt er wohl vor allem seine eigene politische Ausrichtung zum Ausdruck. Der Grünen Bewegung gehören die meisten oppositionellen Strömungen an, darunter sind Sozialisten und Anarchisten, aber auch viele konservative Demokraten und Religiöse.
Sicherlich werden auch die Mainstream-Medien das Thema irgendwann neu entdecken, allerdings erst, wenn sich die Ereignisse wieder überschlagen. Und dann versteht wieder keiner, was da unten los ist! Deswegen müssen Leute wie wir das Thema auf der Tagesordnung halten.