Veröffentlicht von Sermin am18. Jul 2010
Es ist nur Romantik
„Meistens abgedroschen und kitschig!“ antwortet mir ein Freund auf die Frage was er von Liebesbriefen hält. Habt ihr das gehört? Wir leben im Jahr 2010! Romantik ist out, Banalität ist in!
Ein Liebesbrief, ein Dinner bei Kerzenschein, ein Gedicht, ein selbst komponiertes Lied, eine Fotocollage, Kuschelrock CDs, Blumen, nein Rosen, ein Heiratsantrag mit Kniefall, ein Sternenhimmel, ganz viel Herzen und unbeschreiblich viel Rot. All das ist irgendwie Romantik! Es gibt wirklich Menschen die behaupten, dass Romantik schlicht und ergreifend das Gegenteil von Sex sei oder aber – was ich persönlich abartig finde- das Gegenteil von Liebe. Andere sind da anderer Auffassung. Und das ist auch gut so.
Einverstanden: Angenommen, man würde all diese Vorstellungen von Romantik bündeln und als Gesamtpaket mit auf den Pfad des Lebens nehmen. Dann passiert es allzu leicht, dass je schwerer das geschnürte Päckchen ist, der Reisende eine Abneigung gegen dieses Gefühl der unverdaulichen Kost bekommt. Er schmeißt es auf halbem Weg in den nächsten Busch und setzt seine Reise, ohne das Päckchen namens Romantik fort.
Unser zeitgenössisches Verständnis von Romantik ist, das ist wohl kein Geheimnis, nicht das Beste. Wer von uns kann heute noch von sich behaupten, wahre Romantik ertragen zu können, ohne sich beobachtet zu fühlen, ohne mit Gänsehaut kämpfen zu müssen? Stellt euch vor, ihr müsstet nicht nur einen Liebesbrief verfassen, nein ihr müsstet ihn eurer Geliebten oder eurem Geliebten vortragen. Am besten vor allen Freunden, Bekannten und den Arbeitskollegen, während im Hintergrund „Stay“ von Bonnie Bianco läuft. Man selbst würde womöglich fünfmal die Farbe wechseln und den armen Menschen im Publikum würde die sogenannte Fremdscham überkommen, die sich wie eine leichte Magen- Darm-Grippe bemerkbar macht und letztlich zum Erbrechen führt.
Kai Pflaume, bekanntlich der Erfinder des Fremdscham und Moderator der Sendung „Nur die Liebe zählt“, weiß, wovon ich spreche. Eine Sendung, bei der man nicht hinschauen, noch wegschalten kann. Es ist elendige Sensationsgeilheit! Schließlich will man ja wissen, wie es ausgeht, obwohl man die Person, die im Begriff ist, ihr ganzes Leben in einem hässlichen SAT 1 Caravan, mit roter Eckbank offenzulegen, eigentlich nur peinlich findet. Wäre es nicht romantischer, den Menschen in den eigenen vier Wänden darum zu bitten, den Seitensprung zu verzeihen und mit den vier kleinen Kindern einen Neuanfang zu starten? Es gibt also Menschen, die riesen Teelichterherzen und Kai Pflaume romantisch finden.
Das mit der Romantik scheint nicht so einfach wie gedacht. Ich persönlich denke, dass Romantik was Wunderbares ist, wenn nicht eine Fähigkeit, ein Talent. Das Talent, einem Menschen in einem besonderen Moment das Gefühl zu vermitteln, dass er oder sie genau jetzt und hier das einzig Wichtige und Schöne ist. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mit Steinen beworfen und im Anschluss verbrannt werde, aber kann es nicht auch sein, dass Monogamie die neue Romantik ist? So wie grüne Längsstreifen das neue Blau? Ich finde es extrem romantisch zu wissen, dass der eigene Partner auf all die anderen schönen Menschen dieser Erde verzichtet und in der eigenen Person die geistige und sexuelle Erfüllung sieht und nebenbei auch noch glücklich und zufrieden scheint.
Um unsere Gemüter nun einmal zu testen, hier eine Auswahl an Liebesbriefen bekannter Persönlichkeiten, denn in der Vergangenheit war es romantisch seinem Geliebten oder seiner Geliebten einen Brief zu schreiben. Heute ist das de facto nicht mehr so. Ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen, aber im Internetzeitalter scheinen Facebook Posts das höchste Maß an Romantik, was viele zustande bekommen. Nennen wir es Romantik 2.0! Nun wollen wir aber mal keine romantischen Zweizeiler lesen, kein „Nur die Liebe zählt“-Niveau. Eine Offenbarung für das mit Liebe und Sehnsucht erfüllte Herz und ein Wurm im Stuhl für alle Romantik-Muffel. Für alle, die ein schwaches Gemüt haben, empfehle ich, sich einen Eimer bereit zu stellen. Bauchschmerzen, mit harter gespannter Bauchdecke, Atemstörung, kalte Hände und Stirn können die Folgen sein. Nur so als Tipp: Wenn es nicht an den Liebesbriefen liegt, dann habt ihr auf jeden Fall einen Wurm im Stuhl. Die Folgenden Zeilen sind für Leser unter 16 Jahren also nicht geeignet…..
Ein Liebesbrief von Heinrich Cristian Boie, seines Zeichen deutscher Schriftsteller. Er schrieb im April 1784 an Luise Meyer folgende Worte:
„Am Mittwoch hatt’ ich die erste heitere Stunde nach unserer Trennung, bestes Mädchen, ich erhielt deinen lieben Brief, den ich an Mund und Herz drückte und dich selbst im Geiste mit. Mir war so wohl und weh; ich hätte weinen können und war doch nicht unglücklich. Aber ich ward bald gestört, einer kam nach dem andern und ich musste welche den Abend bei mir behalten, so gern ich auch allein geblieben wäre. Es waren just acht Tage seit unsrer Trennung. Ich fühlte das bis ins Innerste. Mir ist nun so ganz anders als vor drei Jahren. Keine neue Szenen, keine Geschäfte zerstreuen mich mehr, was mich täuschte, täuscht mich nicht mehr, ich habe keinen Gedanken, keinen Wunsch, keine Empfindung als die du weißt und die gewiss keine Täuschung sind. Wie süß ist es mir, dass du deinen ersten Brief schreibst, ehe du noch den meinigen hattest! Ja, Luise, ich fühle es, dass du durch mich glücklich warst, wie du es innig gefühlt haben musst, dass ich’s durch dich war. Wieviel hatt’ ich dir noch zu sagen und hab’ es nicht gesagt und würd’ es nicht gesagt haben, wenn wir so viele Monate als Tage beieinander gewesen wären. Es ist ein Traum, so ist alles hingeschwunden – aber ein süßer, dessen Bild aus dem Gedächtnis nicht vertilgt werden kann. Auch in dir ist die milde Sanftheit, die ich in mir so fühle? Auch der Hang zur Träne, die nicht schmerzt? Ja, Beste, meine Kälte ist hin, ist geschmolzen vor der reinsten, zartesten Empfindung der Liebe, und ich bin sicher, dass sie ein Herz nicht wieder beschleichen wird, das, ich darf es sagen, für sie doch zu gut ist. Heftig stürmend, Leidenschaft wird diese Empfindung nie werden, aber ich fühle auch mit überzeugender Gewissheit, dass sie ewig bleiben wird, was sie ist, und dass keine andre ähnlich in mein Herz kommen kann. Was mich kalt, zurückhaltend gegen deine unzurückgehaltene Zärtlichkeit machte, weißt du nun. Ich hatte unrecht -verzeih, Luise! Ich kannte dich, kannte mich nicht. Ich Tor konnte früher glücklich sein und haschte bunten Seifenblasen nach, die zerplatzten, in dem ich sie erhascht zu haben glaubte… An meine Mutter schreib’ ich auch wohl noch nicht mit dieser Post. Ich schreib’ ihr nicht von Gewissheit, nur von Hoffnung, und so wird sie keinen Brief von dir erwarten.
O du liebes, liebes Mädchen! Wie steht das Bild deines Erwachsens in Sahrendorf noch itzt so lebendig vor meinen Augen! Und wie freu’ ich mich deiner Versicherung, dass du nie so angenehm erwacht bist, und nun künftig in den Armen deines Boie noch angenehmer erwachen kannst. -Kein Wort von allen, die du mir sonst schreibst, ist verloren gegangen. Alle sind aufbewahrt in einem treuen Herzen und tragen itzt Frucht, nun der Frost darunter ist.“
Auch Wilhelm von Humbold konnte schöne Liebesbriefe verfassen:
„Ja, einzig liebes, teures Wesen, komm, Dich in meinen Armen auszusprechen und auszuweinen. Ich verstehe Dich gewiss, kein Laut Deines Herzens ist mir fremd, und im ersten Moment unseres Wiedersehens wirst Du in meinem Blick die unendliche Liebe wiederfinden, die ich immer gleich treu und gleich stark für Dich bewahrt habe. Auch ich, meine teure Seele, habe Deine Abwesenheit tief gefühlt. Wie man es auch anfangen mag, immer bleibt eine unaussprechliche Leere und Öde im Herzen, wenn sich die Liebe nicht aussprechen lässt. Meine Gedanken waren immer und ununterbrochen bei Dir, aber oft war es mir kaum möglich, die Heftigkeit der Sehnsucht still zu ertragen. Wie ich mich auf Dich freue, kann ich Dir eigentlich nicht sagen. Alles an Dir wird mir neu sein, und im Neuen werde ich mich mit unaussprechlichem Genuss das Alte wiederfinden, was mich nun schon so lange beglückt hat.
Ewig dein Humbold“
Es ist legitim zu glauben, dass Romantik ausgestorben ist oder einfach in einer andern Form existiert. Es klingt seltsam, aber wichtig ist nur, dass wir ein Gefühl dafür entwickeln, dem Partner etwas zeigen oder sagen zu können, was allein ihn und unsere Gefühle ihm gegenüber betrifft. Das ist gutmenschlich und bringt uns dem andern ein wenig näher. Für die einen ist es, wenn der Partner im Bus steht und uns seinen Platz anbietet, eine Hochzeit in Weiß, ein Tape mit allen Liedern, die man mit dem anderen verbindet oder ein schlichtes „Danke“, wenn der Partner in einer schweren Zeit für einen da war.
Fakt ist, dass man nicht kreischend davon rennen sollte, wenn uns jemand seine Gefühle offenbart. Kommt mit auf den Pfad, wenn wir das Päckchen gemeinsam tragen, kann es nicht so schwer werden. Es ist nur Romantik!





Lustigerweise habe ich mich selbst erst vor einiger Zeit dazu hinreißen lassen, das Buch “Liebesbriefe großer Männer” zu kaufen. Ich hatte anfangs ehrlich gesagt auch etwas gezögert: Ich hatte ein wenig Angst vor dem Kitsch, der mich erwarten würde, doch das trat seltsamerweise nicht ein- im Gegenteil, denn die Liebesbriefe handelten nicht von kleinen peinlichen Schwärmereien, sondern von wahrer, aufrichtiger, ehrlicher Liebe.
Romantik ist für mich kein (!) Liebesbrief, eine Rose zum Valentinstag oder ein Candle Light Dinner. Es ist, meiner Ansicht nach, den Mut aufzubringen, jemand andern aus tiefster Seele seine ehrlichen Gefühle zu gestehen. Ohne Angst sich zu blamieren (eine Rose dient nur der dramatischen Unterstreichung). Wer hat heute denn schon den Mumm dazu? Ich denke, Romantik ist zeitlos. Es existiert, wie du (Sermin) ja schon meintest, heute einfach in einer anderen Art und Form. Während Liebesbriefe vielleicht zu Zeiten Goethes, Schiller u.a. möglichst schwülstigt und bedeutungsschwanger (was wohl auch hptsl. an der Ausdrucksweise liegt) daher kamen, haben sie doch an ihrer Wirkung und Bedeutung in der “modernen” Welt nichts verloren. Ich finde, ehrliche Romantik ist sogar wichtiger denn je.
Was das Phänomen Kai Pflaume angeht, bin ich der Meinung, dass mehr die Art und Weise wie das Thema vermarktet wird, die Fremdscham und den Ekel auslöst, nicht die Liebesgeständnisse oder die Romantik selbst. Dass die Öffentlichkeit an solchen Themen hochgradig interessiert ist, zeigen die Erfolge der unzähligen Liebesfilme und Liebesromane. Es hat immer so eine gewisse Intimität, die uns (Männlein wie Weiblein) sehr nahe geht, die uns selbst an eigene Erlebnisse oder Wünsche erinnert- unabhängig davon ob wir live dabei sind oder es nur gespielt wird. Es ist bei einer Art “Reality-Show” nur einfach irgendwie unangenehm, Menschen so nahe zu sein, die man eigentlich nicht kennt. Man fällt in die Rolle eines Voyeurs, der man eigentlich gar nicht sein will. Da ist oft die Distanz, die einem ein Buch oder die Kinoleinwand bietet, angenehmer.
Vielleicht ist es zu hart, aber wer Liebesbriefe “meistens abgedroschen und kitschig” findet, hat wohl einfach noch nie eine derartig ehrlich gemeinte Botschaft bekommen oder war selbst noch nie in der Lage seine Gefühle für einen andern so offen und selbstlos darzulegen. Sonst wüsste er wie besonders und einzigartig so etwas ist.
selten äußere ich mich zur romantik – da sie selten ernst verhandelt wird (von daher dank für die anregung!). sie ist als schlagwort den genannten kai pflaume-konzepten, kuschelrock-cds etc nah, doch sowas hat, wie festgestellt, nichts damit zu tun.
das liegt unter anderem an den beobachteten medialen schwellen der leinwand, des bildschirms und des medial verkauften gefühls per tonträger. warum sonst wurde der titelsong von titanic “my heart will go on”? weil er immer on and on and on and on and on and on in sämtlichen lebenslagen verfügbar ist und ein gefühl nach der medial bekannten romantik “zwischendurch” im drei minuten takt wiederholbar befriedigen kann.
romantik hat etwas mit dem bewußtsein der vergänglichkeit zu tun…und mit dem bewußtsein, dass wir aus mehr bestehen als aus bloßer anatomie, dass es eine gluthölle der gefühle gibt und andererseits einen stillen mond in unserer brust, der die fähigkeit hat, über lange strecken für ein einziges gegenüber zu weinen.
die mitteleuropäische kulturgeschichte ist (grob vereinfacht) ein ständiger wechsel zwischen kopf- und bauchgefühlen…romanik (kopf), gotik (bauch), renaissance (kopf), barock (bauch), klassizismus (kopf), romantik (bauch)…und dann schliddern wir so langsam schon über preußisches tschingderassabumm in die moderne… (wie gesagt, sehr vereinfacht!)
aber was den bauchbewegungen eigen war: die vergänglichkeit im bewußtsein des eigenen körpers und geistes und der gefühle, die sie empfinden….warum sonst feiern wir jedes jahr sylvester und sonstige angelegenheiten mit feuerwerk? es ist eine erfindung (jedenfalls europäisch gesehen) des barock, das die sinne in den vordergrund stellt, und die vergänglichkeit bewusst macht und sie uns umso mehr genießen lässt…(hau rein, die gefühle sind das schönste was wir haben…oder, je nachdem, “was gott uns gegeben hat”)
und da kommen wir zu der ebenfalls erwähnten ehrlichkeit und selbstlosigkeit, sich darzustellen was die eigenen gefühle angeht: in unserer “postmodernen” welt (ich hasse diesen begriff, aber mir fällt zzt kein besserer ein) muss man sich diese selbstlosigkeit erlauben…aber es ist allzu schade, dass man nicht weiß, bei wem man das machen kann (oder auch darf).
ach, das ende ist so trübe.
auf die holde liebesnot
folgen nöte ohne liebe.
auf das leben folgt der tod.
und, als beitrag eines romantischen lyrikers, der seine profession immer wieder scheitern sieht:
zeilen, die dem lesenden enteilen,
wie auf n-tv die ducrhslaufzeilen:
ade, ade!
das ist das ende einer gattung…
fragt sich: feuer- oder erdbestattung?
ich bin für see…
Danke.
Die Etymologie des Begriffs Romantik spricht von einer Hinwendung des Romantikers zum eignen innern. Eine Welt nun, wie unserer, in der das Ich das Maß aller Dinge ist, ist eine romantische Welt.
), wird die Romantik damit für die empfindsamen Seelen zur Plattitüde. Wer es wagt den Denkapparat dauerhaft mit dem Herzen zu verkoppeln – kann sich bei derlei nur Fremdschämen. Romantik wird zum Kitsch.
Sie gebiert: Kai Pflaume.
Na ja.
In ihrer Demokratisierung, nun als Massenware ( “Liebesbriefe großer Männer” – urrgs – interessanter vielleicht: Die Liebesbriefe kleiner Frauen
Die Schmetterlinge im Bauch – dann und wann – bleiben.
Es ist an uns, dafür zeitgemäße, bessere Bilder als Herzen aus Teelichtern zu finden – jenseits des ewig Ironischen.
Ja genau, jenseits des ironischen Abfalls.
Ich würde Aron stark widersprechen, dass die Romantik Kai Pflaume hervorbringt. Ich denke eher, dass es ein Zeichen entherzlichter Verarmung ist, dass viele Menschen derart gefühlsarm leben, dass sie (drei “dass”, King of Kausalismus!) schon von schwülstiger Sat1-Kwarkung überwältigt werden.
Wir leben doch eben gerade weiß Gott nicht in einer romantischen Welt. Ich zitiere die Wikipedia: “Die Grundthemen der Romantik sind Gefühl, Leidenschaft, Individualität und individuelles Erleben sowie Seele, vor allem die gequälte Seele.” Bis auf die Individualität findet sich ja wohl eher weniger in unserer Gesellschaft. Weshalb Gefühle und Leidenschaft und alles sonstige Innere sehr schnell abgewürgt und unterdrückt werden. Man muss sich im Griff haben, kontrolliert sein und die wirkliche Akzeptanz von Individualität kann ich auch nicht in vollem Umfang entdecken.
Ich glaube, dass das Lächerlichmachen das Totschlagen von heute ist. Menschen messen ihren Wert daran, als wie cool sie gelten, wie hoch der Marktwert ihres Images ist. Da ist es natürlich gefährlich, seine intimsten Gefühle preiszugeben.
Wie viele Handlungen relativ einfacher Art, z.B. mal die Meinung sagen, werden unterdrückt, aus der Angst, ausgelacht oder belächelt zu werden?
Genauso wie es ziemlich schwierig ist, jemanden dazu zu bringen, seine Träume vor einem Publikum auszubreiten, weil man ausgelacht werden könnte (-> der soziale Tod), wird auch die Beschäftigung mit den Gefühlen verdrängt. Und Liebe ist nun mal ein sehr starkes, großes, schönes Gefühl.
Weil nun die Umstände (Gutmenschlichkeit ->Hippies, peinlich; Liebe -> Kitsch, peinlich; Unrechtsempfinden -> Memm nicht rum, peinlich; Sonnenuntergänge -> Kitsch, peinlich) zumindest unter den mechanisch Intelligenten (emotional aber recht verwahrlosten) dazu führen, dass das Hirn dem Herz nicht wirklich dabei hilft, irgendwie klar zu kommen, sind auch nur die vermeintlich unteren Schichten fähig zu großen Gefühlsartikulationen. Weil sie nicht wissen, dass nach Baudrillard ja Liebesbriefe poststrukturalistisch-protofaschistische Signifikanten einer antihermeneutischen Quastozyplophie sind.
Eine Freundin von mir postet bei Facebook das Bild eines Sonnenuntergangs, entschuldigt sich aber gleich in der Unterschrift, dass “da wohl der Kitsch-Button gedrückt” wurde. Als sie ihr Handy in Rom gestohlen bekommt, ist auch das im Fb-Status ein “Klischee”.
Statt den wirklich sehr schönen Sonnenuntergang ganz einfach als wirklich sehr schönen Sonnenuntergang zu sehen, der er nun mal ist, wird lieber die Distanz gewählt. Als wäre die Sonne ironiefähig, als würde sie ihr Licht nicht ernst meinen. Die geht halt unter und das sieht mitunter wunderschön aus, dass einem ganz anders werden kann.
Weil wir aber Angst haben, dass das lächerlich wirken könnte, distanzieren wir uns lieber zur Sicherheit von möglichst allem, was wir sagen und schaffen uns so sein Netz von Möglichkeiten, alles vielleicht doch doppelt ironisch gemeint haben zu können, so dass man sich a) nicht festlegen muss und b) nicht uncool wird. Ich kenn das ja selbst und mach es auch oft genug, aber an sich ist es Quatsch. Man kann auch mal einen Sonnenuntergang einen Sonnenuntergang sein lassen und muss nicht immer an etwaige Auswirkungen aufs Fremdbild denken.
Das hindert dann nämlich im entscheidenden Moment daran, den Mut zusammenzunehmen bzw. überhaupt die “Routine” zu haben, sich mit sich selbst genug beschäftigt zu haben um zu wissen, wie man dann etwaigen Objekten der Begierde gegenüber auftritt.
@ sonja: ich sehe das genauso. man sollte irgendwie seinen eigene Weg finden, um Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Habe mir vor einem Jahr “Liebesbriefe großer Frauen” gekauft. Und ich muss Dir Recht geben. Es ist keine gefühlsduselei, es geht um wahre Liebe. Menschen die sich finden und nicht verlieren wollen und vorallem, um Alltagsprobleme, was ich persönlich sehr interessant finde.
@Jens: Romantik darf nichts alltägliches sein. Es ist was besonderes und ich möchte nicht durch bestimmte Lieder, das erzwungene Gefühl der Tiefe und der Liebe empfinden müssen, nur weil alle Radiosender meinen Rose und Jack seien das Liebespaar der Filmgeschichte.
Woran liegt das, das wir nicht wissen bei wem wir Gefühle zeigen dürfen und bei wem nicht? Hier muss ich dann auf Davids Kommentar verweisen. Sind das die ironischen, von Selbstschutz geplagten Menschen? Oder sind das vielleicht doch Männer und Frauen, die einfach zu tieferen Gefühlen nicht fähig sind?
@ Aron: es wäre schön wenn es so einfach wäre, aber auch ein Appell den ich unterstützen würde. Lassen wir die riesen Teelichtherzen beiseite und finden unseren eigenen, neuen Weg zu Romantik, wichtig ist nur, wir tun etwas.
@ David: Mein lieber Freund, ich bin bis ins tiefste Mark mit Dir d´accord.
Achja, ein kleiner Nachtrag und eine sehr schöne Umsetzung wahrer Liebesgefühle:
http://dilovan88.npage.de/eigene_gedichten_93619929.html
Mein Lieblingsgedicht:
“Wenn du mich hasst
Dann bist du Sonderschüler
Wenn du mich magest
Dann bist du Hauptschüler
Wenn du mich vermisst
Dann bist du Realschüler
Wenn du mich liebest
Dann bist du Gymnasiast”
Schön, dass die Jugend von heute noch Gefühle zeigen kann, wir waren ja früher nie so. Wir ja nicht.