Veröffentlicht von natalie am18. Jun 2010
Jardim Gramacho
Menschen denken gemeinhin in Schubladen. Wer jetzt glaubt, dass nun ein Plädoyer für Vorurteilsfreiheit, die Befreiung von vorgefertigten Denkkategorien und völlige Unbescholtenheit folgt, der sei enttäuscht. Zwar mag eine derartige Diskussion an anderer Stelle interessant sein, aber in vielen Fällen ist ein gewisses Schubladendenken nicht nur akzeptabel, sondern auch äußerst nützlich. Auf einem abstrakten Level wäre Kommunikation ohne Kategorien (bzw. Schubladen) gar nicht möglich. Wie könnte man seinen Mitbewohnern sonst vermitteln, dass man einen Tisch anschaffen will, wenn nicht alle in etwa die gleiche Vorstellung davon hätten, was eigentlich unter einem Tisch zu verstehen ist?
Schubladen sind also im Alltag okay. Das dies nicht dazu führen darf alle Amerikaner für übergewichtige Patrioten, BWL-Studenten grundsätzlich für geldgierige Polohemdenträger und Wiesbadener sowieso für Spießer zu halten, ist selbstverständlich klar.
Worauf ich eigentlich hinaus will? Ursprünglich war ich nur auf der Suche nach einem Titel, den ich einer kleinen Fotoreihe geben wollte, die ich in Jardim Gramacho, der größten Müllhalde Lateinamerikas, gemacht habe. Allerdings wurde keiner dem gerecht, was ich mit den Bildern verbinde. „Müllhalde“ bedeutet Dreck, Gestank und Hässlichkeit. „Brasilien“ oder gar „Rio de Janeiro“, in dessen Randbezirk sich Gramacho befindet, wecken wiederum Assoziationen wie Samba, Strand, Caipis und Fußball. Aber Gramacho ist anders. Gramacho ist hässlich und gleichzeitig unheimlich ästhetisch. Der Ort ist zugleich alptraumhaft und inspirierend. Abstoßend und faszinierend. Für Gramacho habe ich keine passende Schublade gefunden. Auch das kommt vor. Aber schaut selbst:




