Veröffentlicht von piet am16. Jun 2010
Botanische Urbanistik
Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.
Als Industrialisierung zur Modernisierung und Stadt zum Urbanismus wurde, begann für die Natur das Interesse zu schwinden. Als öder Trauerfluss, dem es keine Träne nachzuweinen lohnt, entpuppte sich jegliches bewegliche Gewässer als gigantisches Abflussrohr… und wieder einmal war eine weitere überaus brauchbare Funktion der Flüsse für die Städte und somit eine Pulsader der Urbanisierung gefunden. Einst lebenswichtig für die Land nehmende Bevölkerung, entdeckte die moderne Schwerindustrie den Fluss als Gebrauchsgegenstand. Einen Höhepunkt dieser Abflussbewegung bilden die Chemiewerke an Main, Rhein oder Wupper.
Die Entwicklung von industriellen Färbemittel führt nicht nur zu schönen bunten Kleider für jedermann, sondern auch zu giftig eingefärbten Flüssen ohne Fische und verseuchtem Wasser ab Mannheim oder sonstigen Industriezentren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steckte die Chemieindustrie noch in ihren Kinderschuhen und so hielt die Obrigkeit schützend ihre Hand darüber. Als Ergebnis konnten jegliche Abwässer ungefiltert in die Flüsse geleitet werden, ein Schuldbewusstsein existierte noch nicht. Meldungen über stinkende Flüsse, juckende Hautausschläge und tiefrotes Wasser gehörten bald zur Tagesordnung.
Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.
Wohl sind die schlimmsten Tage für die Flüsse Vergangenheit. Der Naturschutz geht, zumindest was das Abwasser anbelangt, zwar noch nicht Hand in Hand mit Industrieverordnungen, aber hat die europäische Wasserrahmenrichtlinie zumindest zu einer Verbesserung der Situation geführt. Was für Hürden noch zu überwinden sind, traut man sich jedoch kaum auszumalen bzw. wie hinfällig solche „Wasserrahmenrichtlinien“ erscheinen, sollte schnell klar werden, wenn man an Bohrlöcher in 1500m Tiefe denkt…
Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.
Auch in der Urbanität hat sich vielerorts ein Umweltbewusstsein entwickelt. Grünflächen, einst noch als Baulücken auf Zeit, wecken bei den Bewohnern das Interesse an einem Naherholungsgebiet. Nicht nur imposante Häuser, breite Boulevards oder rasante Stadtbahnen bedienen das Stadtbild. Parkanlagen in ihrer gestalterischen Vielfalt gehören mittlerweile zu jeder Großstadt. Aber mal abgesehen von den vereinzelten Bäumen am Wegesrand oder den Blumentöpfen auf gastronomischen Terrassen verhält es sich mit öffentlichen Grünflächen wie mit städtischen Friedhöfen. Eine fest definierte Parzelle in der Stadt, nach außen klar abgetrennt und in keinem Kontext mit der Umgebung. Für sich genommen durchaus funktional. Aber letztlich doch beschränkt. Ein bisschen mehr Austausch mit der Natur wäre doch wünschenswert. Man muss nicht gleich in einem Erdloch wohnen, um wieder zurück zur Natur zu finden. Auch durch Farbe und ausgefallene Architektur geht die starre Struktur der Stadt nicht verloren. Und wenn man mal ehrlich ist, wird doch eigentlich immer noch nach der Legotechnik gebaut; soll heißen Stein auf Stein.
Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.
Ein kleines Pflänzchen der Hoffnung auf dem heißen Pflaster der urbanen Großstadt setzten dem ein paar Stuttgarter Architekten entgegen. Ob das ihre Intention ist, weiß ich nicht, jedoch haben sie mit ihrem Konzept der Baubotanik eine interessante Kreuzung aus, wie der Name schon sagt, Botanik und klassischer Architektur, also dem Bauen mit leblosen Materialien, geschaffen. Hinter dem Namen steht der Versuch, Pflanzen in die Statik und Bausubstanz zu integrieren und daraus tragende Elemente wachsen zulassen. Unterschiedliche Projekte haben die Baubotaniker mittlerweile verwirklicht. In den meisten Fällen verwenden sie junge Weiden, die sie mit einem Metallgerüst verbinden. Junge Weiden haben den Vorteil, dass sie dank ihrer sehr flexiblen Stämme an die Struktur des Gebäudes angepasst werden können. Über die Jahre und durch die Belastung der aufgesetzten Elemente verhärten die Weidenstämme, so dass sie später ohne weitere Stützen als tragende Struktur fungieren. Bisher wurden so verschiedene Sonnensegel, Aussichtsplattformen oder ein Steg gebaut. Das aktuelle Projekt ist ein ca. 9m hoher Turm mit drei Etagen.
Selbstverständlich lassen sich so keine Häuser bauen, es geht ja auch gar nicht um Baumhäuser oder irgendwelche Abenteuerspielplätze für Erwachsene. Aber es bieten sich vielerlei Möglichkeiten an, in denen die Baubotanik als wirklich belebendes Element die öden Strukturen der Stadt ergänzen kann. Wie schön wären denn Bushaltestellen deren Wartehäuschen aus einem von Weiden getragenen Segel bestehen, in denen auch Vögel oder sonstige Tierchen ihren Platz finden?
Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.
Das eingeschobene Gedicht stammt von Georg Heym, unter dem Titel „Der Gott der Stadt“ veröffentlichte er es 1911 in dem Gedichtband „Der ewige Tag“. Eine informative Webseite der Baubotaniker findet sich hier, das Turmprojekt steht auf dem Gelände von „Neue Kunst am Ried“, dort findet sich neben dem Turm und diversen Kunstobjekten auch ein baubotanischer Steg. “Neue Kunst am Ried” ist ein Projekt, das Natur und Kunst zu verbinden sucht und wen es mal an den Bodensee verschlägt, kann dort sicher gerne vorbei schauen. Alle anderen finden hier ein paar weitere Informationen. Wer noch nicht genug von urbanistischen Themen hat der sei auf die Seite des Studentischen Forums Urbanistik verwiesen, eine Gruppe von Studierenden aus Münster die Vorträge usw. über eben dieses Thema veranstalten. Abschließend habe ich noch ein kleines Radio-Feature (oberhalb des Textes). Darin geht es um Neue Kunst am Ried und den baubotanischen Turm. Am besten einfach mal reinhören, ist eh sehr kurzweilig, aber schön.





sehr schön finde ich den gedanken der bushaltestellen, in denen sich auch vögel ihr nest bauen können. hoffentlich hält die baubotanik bald einzug in unsere städte!!
[...] Juni 28, 2010 · Hinterlasse einen Kommentar Natur und Urbanität werden häufig als Widerspruch oder Gegensatzpaar gesehen. Dass das nicht so sein muss, zeigt das häufig kreative Guerilla Gardening in größeren Städten. Doch die Baubotanik geht noch einen Schritt weiter. Gebäude aus Natur. Zu lesen im FICKO-Magazin. [...]