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Zu Wasser, zu Luft : Evan Parker Electroacoustic Ensemble!

Zu Wasser, zu Luft : Evan Parker Electroacoustic Ensemble!unknown

Molekularmusik. Schwammiger Begriff. Mein erster Versuch einer unbefangenen Assoziation geht in Richtung etwaiger Klangtüftler, die atomare Schwingungen aufzeichnen und genauso unentschlüsselbar in Musik einbauen!? In Evan Parkers Falle großteilig falsch. Was in seiner höchst erstaunlichen Musik, ob solo oder in allen Formationen vom Duo bis zum Electroacoustic Ensemble, geschieht, ist eine Zerlegung von Klängen in die kleinsten möglichen Register und die offensichtlich in Lichtgeschwindigkeit erfolgende Zusammenwebung dieser Atome zu sich windenden, organischen Molekülketten.

Ein Blick auf die musikalischen und außermusikalischen Anfänge des jungen Evan Parker lassen schon den ausgereiften Molekularansatz erahnen, wenngleich Parker bis zur vollen Blüte noch mehrere Berge versetzen muss.

Parker verfällt früh zunächst der „coolen“ Saxophonschule eines Warne Marsh und Paul Desmond, der ihn inspiriert, zunächst zum Altsaxophon zu greifen. Mit dem steigenden Einfluss des John Coltrane Quartetts wechselt Parker Mitte der Sechziger Jahre zu Tenor- und Sopransaxophon.

Ironischerweise beginnt er zunächst ein Botanikstudium, wird aber durch die Bekanntschaft zu Drummer John Stevens schnell in mindestens ebenso exotische Gefilde geführt:

Im pulsierenden Swinging London um 1968 ensteht durch Zutun von altgedienten Jazzern und jüngeren, sowohl am amerikanischen Freejazz als an moderner europäischer Konzertmusik geschulten Spielern, etwa Tony Oxley, Derek Bailey, Barry Guy, Barre Philipps, Kenny Wheeler, Keith Tippett und eben jenem John Stevens, vom Beat-Mainstream bis auf wenige Ausnahmen unberührt, ein neues Idiom. „Freie Improvisation“ und nicht „Free Jazz“ nennen die Musiker die hermetisch und schroff wirkende, jedoch auf intensivster Interaktion beruhende, offene Form.

Evan Parker stürzt sich hinein in diesen Strudel, wird Mitglied in John Stevens’ „Spontaneous Music Ensemble“ (siehe vollbärtigen Freak auf dem Foto) und Tony Oxleys Sextett und beteiligt sich an den Meilensteinaufnahmen „Karyobin“ und „The Baptised Traveller“. Sein lyrisches Tenorsaxophon schreit, klagt und steht somit noch ganz im spirituellen Zeichen des späten Coltrane. Ganz anders sein Sopransaxophon: Zart, zurückgenommen, vorsichtig tastend und webend, nie frenetisch, zeigt sich hier viel eher der Geist eines Steve Lacy.

Es bedurfte jedoch der Begegnung mit einigen holländischen und deutschen Gesinnungsgenossen, um Parkers Meißeln am noch unbehauenen Stein der freien Improvisation die nötige Vehemenz, die weit über die eines späten John Coltrane hinausgehen sollte, zu geben: Parker trifft auf die Wuppertaler Berserker Peter Brötzmann und Peter Kowald, den klassisch geschulten Berliner Pianisten Alexander von Schlippenbach und die holländischen Käuze Han Bennink und Misha Mengelberg. Er bläst sich, ebenfalls 1968, auf Brötzmanns „Machine Gun“ die Seele aus dem Leib und spielt mit Schlippenbach im Trio und in dessen Bigband Globe Unity Orchestra. Doch in dieser oft ungestüm wüst und gewalttätig anmutenden „Kaputtspielphase“ tut sich Parker durch eine fast akademisch anmutende Experimentierfreude und ein gnadenloses Übungsprogramm hervor: Er paukt Lehrbücher des Gurus des klassischen Saxophons, Sigurd Rascher, erarbeitet sich ungehörte, eigene Blastechniken und verfeinert sein Gehör immer weiter.

Bevor Parker seine wohl künstlerisch bedeutendste Hürde überschreitet, versuchen Derek Bailey, Tony Oxley und er im Jahr 1970 ein viel grundlegenderes Problem zu lösen:

Ein großes Publikum über etwaige große Plattenfirmen lässt sich nämlich mit ihrer Musik (bis heute) hartnäckig nicht erreichen. Die drei Herren zwischen Mitte Zwanzig und Vierzig gründen kurzum das erste englische Independent-Label in Musikerhand, Incus Records, auf dem sie fortan in Kleinauflagen ihre unzähligen Aufnahmen veröffentlichen werden (gleich die erste LP namens „The Topography Of The Lungs“ sei hier nachdrücklich ans Herz gelegt.)

Parker und Kollegen schlagen sich durch und offenbar bleibt neben Konzerten und Aufnahmen enorm viel Zeit zum Üben. So nimmt Parker immer öfter alleine, in aller Abgeschiedenheit, das Sopransaxophon zur Hand und übt, übt, übt. Was dann nach Jahren der Vorbereitung dem Schallbecher entweicht, ist nicht nur zunächst Blut. 1975, mit der Veröffentlichung von „Saxophone Solos“ hat Parker das Sopransaxophon quasi neu erfunden. In Zirkularatmung stößt Parker hier nicht endenwollende, bis zu vierzigminütige Schwalle von ständig modulierenden Melodiefetzen, Kreischen, Krächzen, Klagen, teils in mehreren Registern gleichzeitig hervor. Er geht jeder Idee, jeder Tonfolge bis in die kleinsten Partikel und überblasenen Noten auf den Grund, zu ihrem Kern. Es genügt die kleinste Suggestion einer Tonfolge, ob im Kopf oder in der Raumakustik, (deshalb hat Parker einige seiner wohl schönsten Soloaufnahmen in Kapellen gemacht) und die Bruchstücke weben sich stetig und in ungeheuerlicher Geschwindigkeit zu einem breiten Strom. Musik von einer Ereignisdichte, die auf den Hörer oft fast erdrückend wirkt.

Doch Evan Parker lässt sich nicht unterkriegen. Sein ureigener Stil findet ab Ende der siebziger Jahre Eingang in feste, bis heute bestehende Formationen, weiterhin im Trio mit Schlippenbach und Paul Lovens und im Trio mit Bassist Barry Guy und Drummer Paul Lytton. Letzteres Trio setzt Parkers Solokonzept wohl am Zwingendsten fort: Winzigste Splitter, Seufzer, Schläge, Striche greifen ineinander, tauschen sich aus und prasseln nicht selten zu Splitterprojektilen gebündelt auf den Hörer herab.

Alle Mitglieder des Trios arbeiten hierbei (wie in Parkers Falle schon ausführlich erwähnt) mit erweiterten, unorthodoxen Techniken der Klangzersplitterung und -erkundung. Es ist jedoch Drummer Paul Lyttons früher Einsatz von elektroakustischen Klangverfremdungen, zum Beispiel durch selbstgebastelte Kontaktmikrophonierung, (bei der einfach verkabelte Leiterplatten die Schwingungen des jeweiligen Gegenstandes aufzeichnen und durch weitere Geräte verfremdbar machen) der letztlich zur Erweiterung des Trios zum heutigen Electroacoustic Ensemble führen sollte.

Angespornt von Lyttons Elektronik beginnt Parker Anfang der neunziger Jahre zunächst,  sein Solosopransaxophon im Duo der elektronischen Live-Klangbearbeitung zu unterziehen. Fasziniert von den sich eröffnenden Klangräumen und dem intensiven Austausch erweitert Parker 1997 sein Trio erstmals um drei dieser Elektroniker: Die Italiener Marco Vecchi und Walter Prati sowie Landsmann Phil Wachsmann. Heraus kommt das Evan Parker Electroacoustic Ensemble und die verblüffende erste Aufnahme: Toward The Margins. Tatsächlich bewegt man sich hier auf die kleinstmöglichen Zwischenräume der enormen Klangwelten zu: Jeder analoge Klang von Saxophon, Bass und Schlagwerk kann in Sekundenbruchteilen digital durchdrungen werden, eine neue Räumlichkeit bekommen, ein kleiner Fetzen kann zur großen Klangfläche werden. Je nach Intensitätsgrad werden die Klangquellen vollkommen unkenntlich, an anderen Stellen zelebrieren die Musiker minutenlang eine brodelnde Stille. Oft stellt ein einzelner, langer Ton den Ausgangspunkt für die Erkundungen der Gruppe dar. Atomisierung von musikalischen Prozessen, Molekülschichtung, Kollision, plötzlicher Wellenschlag auf einer bis zum Bersten angespannten Wasseroberfläche: All das könnte ein, mehr oder minder gelungener Versuch sein, die höchst erstaunliche Musik des Evan Parker Electroacoustic Ensemble auf den weiteren Alben wie Drawn Inward (1999), Memory/Vision (2003), The Eleventh Hour (2005), oder, aktuell The Moment’s Energy, in Worte oder Theorien zu kleiden.

Das aufschlussreichste und zugleich mysteriöseste Erlebnis wird allerdings mit Sicherheit das Hören und Sehen des Ensembles sein.

Nachtrag: Letzten Freitag hatte ich dazu Gelegenheit und bin immer noch an die Wand genagelt.

Das Ensemble hat keine Homepage, Evan Parkers Label psi findet man aber hier:

http://www.emanemdisc.com/psi.html

 

 

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One Response to “Zu Wasser, zu Luft : Evan Parker Electroacoustic Ensemble!”
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