Veröffentlicht von piet am19. Mai 2010
Utopische Urbanistik
…oder Gentrifizierung für Historiker
„Mein Haus, mein Block, mein Viertel“. Ob bewusste HipHop-Pose oder einfache Vorliebe, die Identifizierung mit dem eigenen Wohnraum stellt sich schnell ein. Die Veränderung wird dann wahrgenommen, wenn es mir zum Dorn im Auge wird. „Stadtluft macht frei“ war insbesondere im Mittelalter ein entscheidender Faktor. Dass die Luft keine Grenzen kennt, ist nicht erst seit der Aschewolke über Europa bekannt. Im Mittelalter war die Stadtluft zwar Freiheitsträger, jedoch auch wortwörtlich einfach nur ein bestialischer Gestank. Dieses Übel galt es eiligst zu beseitigen. Die Versiegelung von Straßen, also Pflaster statt Morast, schien die adäquate Lösung. Somit konnten dann auch allerlei städtische Übel, vor allem Krankheiten und Seuchen, beseitigt werden. So die zeitgenössische Meinung.
Wenn überhaupt, stellten sich für solche Projekte jedoch nur Straßen des oberen Bürgertums zur Verfügung. Und diese finanzierten ihr Pflaster selbst. Die Selektion konnte nicht durchbrochen werden. Selbstverständlich machte auch die neue Luft nicht jeden frei. Es ist eine Wohnraumaufwertung im eigenen Interesse. Ein Prinzip, das sich seither im Grunde nicht geändert hat. Nur der Rahmen scheint neu. Heute finden unter der Bezeichnung „Gentrifizierung“ ähnliche Prozesse statt, die ebenfalls auf ein selektives Klientel abzielen.
1. Die Gegängelten und ihre Theoretiker
Brennende Luxusautos in Berlin und Hamburg sind in den Medien Resultat von linksautonomen Chaoten. Wenn überhaupt, findet sich erst in der vorletzten Zeile die Querverbindung zu den Protesten gegen die Auswirkungen einer Gentrifizierung. Die Sinn- oder Sinnlosigkeit solcher Proteste sei dahingestellt. Die gegenseitige Bedrohung ist aber offensichtlich. Ebenso offensichtlich die schwankende Wahrnehmung der Tatorte, denn: das Gängeviertel kommt nun in die Gänge, die Mediaspree ist unter den Pressespiegel gesunken – die Freiraumkampagne zieht schon wieder weiter1. Aber: die Gentrifizierung bleibt.
In den 1960er Jahren prägt die britische Soziologin Ruth Glass den Begriff „gentrification“ im Rahmen ihrer Forschungen über Stadtteilentwicklungen in London. Auf dem europäischen Festland kommt der Diskurs erst etwas verspätet an, in Deutschland beginnt seit den 1980er Jahren, insbesondere im Zuge der Besetzerszene in Berlin, Hamburg und Frankfurt/Main, die Gentrifizierung in politischen Kreisen die Runde zu machen. Neutral betrachtet ist Gentrifizierung ein Synonym zur Charakterisierung sozialräumlicher Entwicklungsprozesse (gentrification ist vom englischen Wort „gentry“ – niederer Adel – abgeleitet).
Der eine verwendet Gentrifizierung als Schimpfwort, für den anderen werden neue Räume geöffnet. Die eine wittert Sozialverlierer, die nächste sieht den klassischen Spekulanten, die dritte findet es schick. Den Wohnraum wollen alle gestaltet haben. Auch mit Ikea bleibt es kompliziert. Interessant wird die Gestaltung durch die angestrebte Umsetzung eigener Wunschvorstellung, sobald die Urbanisierung nicht mehr sich selbst überlassen wird. Die Vorstellungen über ein Stadtbild sind letztlich so unterschiedlich wie ihre Bewohner. Die Realisierung von Projekten die in einem Atemzug mit Gentrifizierung genannt werden treffen aber irgendwo auch auf offene Arme. Wie sollten sich sonst die Realisierer vor den Finanzierern rechtfertigen? Und anders: irgendwo müssen auch die Gentrifizierer herkommen. Daraus ergibt sich einer der gängigen Erklärungsansätze, der auf einer Renditen-Differenzierung von Gebäude- und Grundstückswerten basiert. Ein durch Erneuerungsmaßnahmen steigender Gebäudewert („value-gap“) zieht hiernach später eine Erhöhung des Grundstückwertes nach sich („rent-gap“). Man muss die Gentrifizierung aber nicht nach wirtschaftlichen Aspekten abklopfen. Manchmal bringt der Staub der Geschichte die schönsten Verbindungen ans Tageslicht.
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2. Die Kopfstadt
Die urbanen Auswüchse, die in den Köpfen der vermeintlichen oder tatsächlichen Stadtplaner entstehen sind kein Phänomen unserer Großstädte. Konkrete Vorstellungen über das Zusammenleben von Menschen finden sich in jeder Epoche. Ein ideelles Gesellschaftsbild spiegelt sich in den unterschiedlichsten Utopien wieder, die spätestens seit den antiken Griechen ihren Einzug in die Geschichtsschreibung finden. Seitdem hat wohl jeder fünfte Denker, der etwas auf sich hält, sein eigenes Konzept einer besseren Welt entworfen. Die historische Gentrifizierung finden wir in der Antike noch nicht, aber Platon gibt in seinen Standartwerken „politeia“ und „nomoi“ schon entscheidende Konzepte zur Stadtplanung zu Protokoll: „Städte sollen auf Gleichmäßigkeit beruhen, als Ausdruck von Schönheit“. Der Grundstein für die Idealstädte war gelegt. Darunter lässt sich einerseits die Demonstration einer neuen Vorstellung sozialen Zusammenlebens sehen und andererseits bilden sie die Vorposten der Utopie. Gleichwohl werden sie aber zu einem paradoxen Realisierungsversuch ihrer Utopie. Utopien, seien sich noch so schön oder realistisch, finden rein logisch gesehen niemals in der Gegenwart ihre Umsetzung, die räumliche oder zeitliche Trennung bleiben um ihrer selbst Willen.
Spätestens seit in der italienischen Frührenaissance Staatstheorien mit den sich entwickelnden Kunsttheorien ein Wechselspiel eingehen, findet eine Rückkopplung statt, die sich auf die Stadtentwicklung auswirkt. Neue Studien innerhalb der Architektur verbinden utopische Gesellschaftsbilder mit der Gestaltung von Städten. Oftmals waren diese Überlegungen sehr praktischer Natur. Als herausragendstes Werk kann an dieser Stelle auf Leon Battista Alberti verwiesen werden. Nicht nur wegen seines schönen Namens sondern da er auch 10 Bände über die Baukunst geschrieben hat; zwischen 1450 und 1460. Ein Zeitgenosse Albertis, Enea Silvio Piccolomini (später Papst Pius II.), beginnt im selben Jahrzehnt mit der Umgestaltung seines Geburtsortes Corsignano zur Stadt Pienza. Die erste Realisierung eines Idealstadtprojektes manifestiert sich (bzw. der Herr Piccolomini) in der Toskana (und wird etwas verspätet 1996 zum Dank dafür von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt).
Die utopische Urbanistik in Form frühneuzeitliche Idealstädte finden sich nunmehr nicht alleine in den Köpfen oder Papieren der Utopen, sondern tauchen an immer mehr Ecken und Enden Europas auf.
3. Urbanes Utopia
Die Städte, sei es noch so paradox, sollen die Utopisten nachhaltig beschäftigen. Nicht nur in den Standardwerken, wie Utopia von Thomas Morus, sondern in den meisten Berichte über die Sonneninseln, Arkadien oder Atlantis stoßen wir auf detaillierte Beschreibungen von Städten. Meist unterscheiden sie sich deutlich von ihren existierenden Vorbildern. Seit die Malerei in der Frühen Neuzeit (bzw. in der Renaissance) sich neuen Themen zuwendet und nun jegliche Motive abseits des Religiösen auftauchen, entstehen teils schöne, teils absurde Bildnisse von europäischen Innenstädten, die in der Regel keine besondere Eigenart aufweisen können. Alle sind sie sich in ihrer Symmetrie gleich. Teilweise tauchen dem Betrachter durchaus vertraute Gebäude auf, etwa ein römisches Kolosseum oder eine griechische Akropolis in einer kerzengeraden Häuserfront, gepflasterte Straßen, allgemein sehr hohe mehrstöckige Häuser in Kastenform…Die Aufzählung könnte endlos so weiter gehen. Was einen aber stört, der Betrachter merkt es, kommt aber nicht unbedingt sofort drauf: es fehlt das Leben, keine Menschen, keine Geschäfte, nix zum Wohnen, Leben, Lieben, Lachen,…die Stadt ist völlig in ihrem Zweck aufgegangen. In ihrem großen Ganzen, in dem Ideal für eine zukünftigen Gesellschaft. Fängt hier die Gentrifizierung an?
Es bleibt fraglich, ob die Städter der Frühen Neuzeit sich damit auseinandergesetzt haben. Die meisten Stadtbewohnern konnten sich wohl glücklich schätzen, wenn sie sich ein Haus aus Stein bauen konnten und wenn die Straßen endlich mal gepflastert wurden, waren sie heilfroh, durchaus wörtlich zu nehmen. Die utopische Stadt wird, je detailreicher sie sich präsentiert, zum bewohnbaren Albtraum. Alberti, der eben erwähnte Architekturtheoretiker, sucht nach einen Ausweg aus diesem Dilemma. Seine Erkenntnis widerspricht den bisherigen Vorstellungen, bleibt für sich alleine und ist vielleicht gerade deswegen umso lesenswert. Über die Hauptstraße verfasst er folgende Zeilen: „Innerhalb der Stadt aber soll sie [die Hauptstraße] nicht gerade, sondern wie ein Fluss, hierhin und dorthin wieder nach derselben früheren Seite in weicher Biegung gekrümmt sein. Denn außer dem, dass sie dort, wo man sie weiter überblicken kann, die Stadt größer erscheinen lässt, als sie ist, trägt sie in der Tat auch zur Schönheit, Zweckmäßigkeit und zu den wechselnden Bedürfnissen der verschiedenen Zeiten außerordentlich bei. Und wie schön wird es sein, wenn sich einem beim Spazierengehen auf Schritt und Tritt allmählich immer neue Gebäudeansichten darbieten…“
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4. Wider den Blockwart
An unserem Beispiel haben die Stadtplaner in Pienza gerade noch die Kurve gekriegt. Auch anderen Orts wurde die Idealstädte zwar immer wieder angestrebt, jedoch konnte sie den Wildwuchs der Städte nicht aufhalten und wurde auch keineswegs zur allgemeingültigen Doktrin. Die Gentrifizierung unserer Tage scheint bisher mit noch keinem vernünftigen Konzept belegt und widerlegt zu sein. Trotzdem findet sie nicht nur in unseren Köpfen statt. Ist es nun aber ein spiralförmiger Prozess nach oben oder entwickelt sich die Gentrifizierung zu einer Laola-Welle? Dassdie Gentrifizierung nur Ausdruck von gesellschaftlichen Problemen ist, macht sie nicht besser oder die sozialen Schnittstellen tiefer, der letzte Pfosten eines alternativen Blockwarts muss aber auch nicht verteidigt werden. Die Gentrifizierung sollte nicht als Bedrohung von außen, auf das eigene schöne Viertel, wahrgenommen werden, denn sonst bleiben die ständigen stereotypischen Feindbilder. Ein ehrliches Interesse an deiner Umwelt entwaffnet oft viel einfacher.
Andererseits bleibt zu hoffen, dass die Erkenntnis über die Ästhetik krummer Straßen bald ihren Einzug in die Stadtplanung findet.
Eine interessante Randbemerkung noch, als Nachwort für die offiziellen Kirchenwochen. Klöster sind in ihrem Aufbau, Ausrichtung und Auslegung auch ein Außenposten der nahenden utopischen Welt, symbolisch beladen und ausgefüllt. Ob diese Utopie sich erfüllen lässt, ob so etwas überhaupt als „Utopie“ bezeichnet werden darf bleibt bei der Kirchenwoche. Die Tatsache, dass Kloster einen der resistentesten Aspekte der utopischen Urbanistik darstellt ist trotzdem beachtenswert.
Und ein weiteres post scriptum: am 29.05.2010 findet in Mainz eine Nachttanzdemo statt, auch eine Möglichkeit, sich mit Gentrifizierung auseinanderzusetzen…
1Letzte Stationen: AZ Köln, besetzt seit 16.04.2010; Plätze.Häuser.Alles – Hausbesetzung in Freiburg am 23.04.2010





Hier übrigens Info zum Wo und Wann der Nachttanzdemo, ich kann leider nicht: http://ntdmz.blogsport.de/2010/05/05/flyer-gedruckt-und-online/
Mir lag es beim Vortrag von Andrej Holm schon auf der Zunge, die Zeit hat aber dann nicht gereicht: Wieso wird sich eigentlich so auf die Stadt konzentriert bei der Gentrifizierung? Einfach, weil da mehr Leute leben? Auf dem Land gibt es ja dieselben Probleme, nur teilweise eben umgekehrt.
Die Gentrifizierung ist meiner Meinung nach eher ein städtisches Phänomen. Dies hängt nicht nur mit dem “mehr an Leuten” zusammen. Die Veränderung des Wohnraumes ist der Ausgangspunkt. Die Gentrifizierung betrachtet diese Veränderung unter bestimmten Vorzeichen:
1. Es findet eine Werteverschiebung statt.
2. Es findet ein Interessenkonflikt statt (i.d.R. Zuungunsten von sozialen Minderheiten).
3. Die Dynamik der Veränderung ist von wirtschaftlichen Motiven geprägt, also es findet nicht einfach ein Veränderung statt, da Familie A lieber im Stadtteil B wohnt und Familie X nach Y zieht…
In der Stadt treffen die unterschiedlichen Interessen am stärksten aufeinander. Die Auswirkungen von Gentrifizierung werden hier am deutlichsten u.a. weil die Stadt soziale Rückzugsmöglichkeiten bietet deren Bedürftigte am stärksten unter der Gentrifizierung zu leiden haben. Auch ist das wirtschaftliche Interesse am Wohnraum in der Stadt amgrößten.
Trotzdem findet auch im ländlichen Raum Gentrifizierung statt. Dabei laufen die selben Musterab wie in der Stadt. Als Beispiel: Vororte von Großstadt, in die bevorzugt wohlhabende Bürger abwandern oder soganannte Kurorte, die zum Zweitwohnsitz bestimmter Bevölkerungsgruppen werden. Dadurch findet in solchen Regionen ebenfalls eine Veränderung des Wohnraums statt, ähnlich wie in den Städten. Aber es gibt selten ganze Wohngebiete, die einer mehr oder weinger interessengesteuerten Umwandlung unterliegen. Auch sind die Auswirkungen nicht so offensichtlich wie in der Stadt und die sozialen Proteste fallen nicht so medienwirksam aus (warscheinlich der entscheidende Punkt, warum es nicht so intensiv thematisiert wird).
Ich hoffe ich konnte an dieser Stelle Andrej gut vertreten.