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Reifeprüfung

Reifeprüfungrufuss

















Er wachte auf, als die Kirchturmglocken ihre dunkeldicken Schallwellen durchs offene Fenster warfen. Zehn Vibrationen erfüllten das Schlafzimmer. Dann stand er auf. Seine Frau war wie immer schon vor ihm wach. Seit einigen Monaten konnte sie nicht mehr ausschlafen, wachte auch am Wochenende schon um sieben Uhr auf, ganz von alleine. Er ging in die Küche, der Kaffee duftete nicht mehr, die Aufbackbrötchen waren schon kalt. Sie saß am Tisch und las Zeitung. Das warme Lächeln, das sie ihm beim Betreten der Küche zuwarf kühlte auf dem Weg zu ihm ab. Er schenkte sich und ihr eine Tasse Kaffee aus der Thermoskanne ein und setzte sich ihr gegenüber. Gedankenverloren streckte sie ihren Fuß nach seinem Bein aus und streichelte es zärtlich. Stützstrümpfe. Er wich aus. Sie legte die Zeitung weg. „Hast du gut geschlafen?“, fragte sie. Die Sonne fiel auf ihr inzwischen beinahe komplett ergrautes Haar. Er nickte und versuchte zu lächeln. Sie stand auf, ging um ihn herum und begann seine Schultern zu streicheln. Küsste ihn auf den Scheitel. Er versuchte sich zu erinnern, wie sich das vorher angefühlt hatte. Als er noch nicht die Altersflecken auf ihren Händen zählen konnte. Sie schlang ihre Arme um seinen Oberkörper. Er spürte ihre schlaffe Haut. Hastig stand er auf. „Ich geh joggen.“, sagte er nur, zog sich rasch um und entschwand durch die Wohnungstür.

Wie lang geht das noch gut?, fragte er sich. Als er sie damals heiratete wollte er mit ihr gemeinsam alt werden und nicht ihr beim älter werden zusehen. Zu der Zeit hatte er sich noch keine Gedanken darüber gemacht, dass es sich irgendwann schwierig gestalten könnte, mit einer Frau zu leben, die beinahe 15 Jahre älter war als er. Nun war er 47, sie bereits 61, die Jahre nagten an ihr, während er sich so frisch und fit wie eh und je fühlte. Er vermisste seine schöne Frau. Die mit den kohleschwarzen Haaren, den vollen Lippen, dem wohl geformten Hintern. Verträumt blickte er den jungen Frauen nach, die ebenfalls im Park joggen gingen. Was verpasste er alles? Er war doch ein gutaussehender, junggebliebener Mann. Er musste mit ihr reden. Es hatte keinen Sinn, sich jeden Tag zu quälen und so zu tun, als würde er seine Frau immer noch so lieben, wie noch vor ein paar Jahren. Vielleicht wäre eine offene Beziehung eine Lösung? Sie war doch immer so tolerant, vielleicht ließ sich ja ein Kompromiss finden, mit dem man die zwanzig Jahre Ehe nicht einfach so wegwarf. Nicht direkt euphorisch, aber dennoch motiviert, durch den Entschluss, den er endlich gefasst hatte lief er zurück nach Hause.

Sein Motivationsschub wurde just gebremst, als er merkte, dass seine Frau nicht mehr in der Wohnung war. Er ärgerte sich über sie. Er wollte doch etwas klären! Und zwar jetzt! Nach einem Aufschub fehlte ihm womöglich wieder der Mut! Er ging zum Telefontisch, presste energisch ihre Nummer in die Tasten. Noch als es tutete entdeckte er einen zusammengefalteten Zettel auf dem Tischchen. Er legte auf und entfaltete das Papier. Ein Brief, an ihn gerichtet, ihre Schrift. Er setzte sich auf die Bettkante und begann zu lesen.

„Ich betrachte mich oft im Spiegel. Ich betrachte mich gerne im Spiegel. Ich bin verdammt schön. Ich hasse es, wie du mich ansiehst, als wäre ich es nicht. Ich hasse dich. Adieu.“

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