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Der Film, der dein Leben ist

The best things in life are free. Grundsätzlich hasse ich diesen Satz. Jedes Mal, wenn ich irgendetwas unternehmen möchte, mit Freunden, alleine, egal was, und mir das Geld fehlt. Wenn ich einen großen Wunsch habe und es mir nicht leisten kann. Aber dann kommen wieder so Tage, an denen ich diesen Satz unterschreiben kann. So wie heute.

Ich bin S-Bahn gefahren. Lehnte müde und leicht geblendet von der Sonne an der Tür. Plötzlich stellte sich ein Mann vor mich – etwa so alt wie ich, vielleicht ein bisschen älter – und bittete mich um einen Gefallen. Ich fragte ihn, ein bisschen skeptisch, worum es denn geht. „Guck mal bitte auf meine Hand.“ Ich sah auf seine Hand und – schwupps – zauberte er ein Zehnpfennigstück herbei. Ich, total perplex, brachte kaum ein Wort heraus, er „Hier, ich kann noch mehr zaubern!“, griff in seinen Rucksack und schenkte mir ein Tütchen Gummibärchen „Ich hab heute Geburtstag, da bin ich spendabel!“ – „Ohokaydankeherzlichenglückwunsch“ – „Komm setz dich doch zu mir, wann musst du aussteigen?“ – „Nächstestation!“ Und dann ging’s los. Er stellte mir Fragen, machte Komplimente, erzählte von sich, ich war total überfordert mit der Situation. Wie kann ein Mensch nur so unfassbar offen und furchtlos auf fremde Menschen zugehen? Dann kamen auch noch Kontrolleure, ich in meiner Verwirrung suchte eine halbe Ewigkeit nach meinem Portemonnaie, musste auch noch aussteigen, alles ging drunter und drüber und das Letzte war, dass ich auf dem Bahnsteig stand und in meiner unendlichen Wirrheit gerade noch daran dachte, ihm ein „Tschüss!“ zuzurufen, bevor sich die S-Bahntüren endgültig schlossen. Das muss der beste Mensch der Welt sein. Und alles, was ich von ihm weiß, ist, dass er heute Geburtstag hat. Kein Name, geschweige denn eine Handynummer. Sowas passiert doch nicht im echten Leben! Das gibt’s doch nur im Film!

Denkste! Zu Hause angekommen musste ich, klar, erst mal meinen Freunden von meinem Erlebnis erzählen. Und es scheint ganz so, als hätte jeder so eine Geschichte, einen Moment, der ihn in unglaublich kurzer Zeit auf tiefste Weise beeindruckt und geflasht hat. Ob es eine alte, aber wunderschöne Frau ist, die man im Zug trifft, die außergewöhnlich viel herumgekommen ist in ihrem Leben, von einem brasilianischen Straßenmaler erzählt, der sie kostenlos gemalt hat, weil er sie so schön fand und dessen Bild noch immer über ihrem Sofa hängt und davon, dass sie völlig ohne Geld nach Amsterdam getrampt ist, ob es ein Typ ist, mit dem man sich in einer fremden Stadt völlig zufällig sehr kurz sehr intensiv unterhält und der dann einfach in einen Bus steigt und verschwindet, oder ob es ein Mann ist, der einem auf seinem ersten Konzert aufgefallen ist und den man nach Monaten in einer völlig anderen Stadt in der U-Bahn trifft. Alle Erlebnisse sind wie ein zuckender, heller Blitz ins Leben eingeschlagen, und verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren, aber nicht, ohne eine Spur zu hinterlassen, die man sein Leben lang nicht vergisst.

Ich glaube jeder, der so etwas erlebt hat stellt sich sein ganzes Leben lang die „Was wäre, wenn…“-Frage. Was wäre, wenn ich einfach bei dem Mann sitzen geblieben wäre? Ich hatte doch eigentlich Zeit und mit meinem Studententicket kann ich beinahe bis ans andere Ende der Welt fahren. Was wäre, wenn ich der Frau, deren Adresse ich habe, tatsächlich einen Brief schreiben und Kontakt zu ihr aufnehmen würde? Was wäre, wenn ich den Kerl festgehalten hätte oder einfach mit ihm in den Bus gestiegen wäre? Und so weiter. Aber je mehr ich von solchen Erlebnissen erzählt bekommen habe, desto mehr drängte sich mir der Gedanke auf, dass das seinen Grund hat, warum das nicht wiederkommt. Warum es sich so schnell wieder aus dem Leben entfernt. So trägt man eben für immer die Erinnerung an dieses an ein Wunder grenzende Erlebnis mit sich. Vielleicht würde ein zweites Treffen, ein Ändern der „Wege des Schicksals“ diesen einen, sich perfekt aus dem Alltag abhebenden, schönen Moment zerstören. Also: Aufhören zu grübeln! Genießen! Den Moment, wie er war in Erinnerung halten und nicht krampfhaft versuchen, ihn wieder heraufzubeschwören. Denn so perfekt, wie die Situation war, so kommt sie garantiert nicht wieder. Denn the best things in life are free. Free von Geld, free von Erwartungen und free von Mühe, die man dafür aufbringt.


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3 Responses to “Der Film, der dein Leben ist”
  1. form form sagt:

    Wunderfein.

  2. nienae nienae sagt:

    So gut. Wie Casper es mal zu rappen pflegte: “unterschaetze nie die Macht eines Augenblicks”

  3. MrMinister MrMinister sagt:

    toll

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