Veröffentlicht von illoyal am15. Apr 2010
Der Messias von Minnesota
Alan Sparhawk, Gitarrist und Frontmann der Bands Low und Retribution Gospel Choir, singt Hymnen und Totenklagen, hält Messen vor Rockpublikum.
Sparhawk ist seit seiner Kindheit tief in Minnesota verwurzelt. Tiefe, kalte, bewaldete nördliche Provinz der USA, die Great Lakes bilden die Grenze zu Kanada. Nicht zuletzt ist sein langjähriger Wohnort bis heute das beschauliche Duluth, Minnesota, in dem unter anderem ein hinlänglich bekannter Robert Zimmermann aka Bob Dylan das schmuddelige Licht der Welt erblickte.
Hier heiratet Sparhawk mit gerade mal 21 seine langjährige Freundin Mimi Parker. Mit ihr zusammen gründet er Anfang der neunziger Jahre Low und vollzieht eine im Pop immer noch einmalige permanente Reduktion: Lediglich Sparhawks Gitarre und durchdringende Stimme, gleichsam getragen und in wunderschöne Harmonien gekleidet durch Mimi Parkers sanft gehauchte Stimme, Mimis im Stehen gespieltes dreiteiliges Drumset und wechselnde Bassisten tragen melancholische bis todbetrübte Songs in derart verlangsamtem und gleichzeitig ungehetztem Tempo vor, dass man sich am liebsten in die Zwischenräume zwischen die Schläge legen und nie mehr auftauchen würde.
Vom ersten Album „I Could Live In Hope“ von 1994 an ist der Grundtenor Lows verhalten, lyrisch, reduziert , betrübt, sehr zur Irritation ihres frühen Publikums: Statt dessen Verlangen nach überfrachteten Lautstärken nachzukommen, drehen Low die Verstärker einfach noch leiser.
Der Sparhawk und Parkersche Gesandtenchor schmettert ohne Unterlass Texte über entrissene Liebe, Kindstod, Gottes Gerechtigkeit, Angstzustände. Immer wieder ist in diesem Zusammenhang ihr mormonischer Glaube hervorgehoben worden, der sicherlich einen wesentlichen Teil zur oft biblischen Bebilderung der Texte beiträgt. Natürlich leidet zumindest Sparhawk auch bisweilen an schweren Depressionen. Die Melancholie Lows wäre jedoch nicht halb so fesselnd, wenn der Zerschmetterung durch eine allmächtige Faust, dem langen Marsch durch die Wüste, dem Kindsverlust nicht oftmals ein wunderschöner, plötzlich aufblitzender Hoffnungsschimmer oder ein guter Zuspruch folgen würde: Wie das geteilte Wasser öffnen sich Songs in ein gleißendes Strahlen, einzig getragen von den funkelnden Chören Sparhawks und Parkers. Andere Songs ziehen sich einfach zärtlich in sich selbst zurück und geben noch aus dem Bau einen guten Rat mit auf den Weg:
Auf dem 1996er Album „The Curtain Hits The Cast“ findet sich hierfür vielleicht das schönste Beispiel:
Dem 14minütigen, mahlstromartigen Feedbackerguss „Do You Know How To Waltz“ folgt das 50sekündige “Dark”, das die dröhnende Schwere des vorigen Stücks dämpft und einen wunderschönen Abschluss bildet:
„There are many things to be afraid of, like ghosts and death and climbing too high,
There are many things to be afraid of, but don’t be afraid of the dark”
Diese Botschaften erspielen Low über die Jahre und die Alben eine kleine, aber solide Fanbasis auf der ganzen Welt. Ihre Herangehensweise bleibt prinzipiell unverändert, nur die Budgets werden größer, die Produzenten rockorientierter: So entstehen die Alben „Things We Lost In The Fire“ im Jahr 2001 sowie „The Great Destroyer“ im Jahr 2005.
Streicher, Orgeln, Bläser, verzerrte Gitarre füllen die minimalen Arrangements mit Leben und auch einer ganz kleinen Portion Pathos.
2007 folgt dann mit „Drums And Guns“ eine radikale Abkehr von der vorangegangenen Aufpfropfung und skeletale, reduzierte Songs, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Direkt mit Alan Sparhawks Einsatz beim ersten Song „Pretty People“ ist klar, dass hier finsteres Terrain beackert werden wird: „All pretty people, they’re all gonna die.“ Die Liste derer, die alle sterben werden, fällt über eine dreiminütige elektronische Sequenz erwartungsgemäß lang aus.
Die mit „Drums And Guns“ vollzogene Reduktion setzt sich auch im Video zum Song „Breaker“ fort: Als offensichtlicher Kommentar zu Militarismus und grenzenloser Gier nach Macht, Territorium, Menschenmaterial wählen Low eine stille, schnittlose Einstellung am Küchentisch der Sparhawks/Parkers. Alan in Uniform sitzt, Torte und ein Glas Milch vor sich, am Tisch, Mimi und Bassist flankieren ihn stehend. Der Song beginnt, Mimi und bassist klatschen rhythmisch und bleiben sonst ausdruckslos. Mit Einsatz der Orgel stürzt sich Alan gierig auf die Torte, stopft, reißt, schmiert, säuft und verkippt atemlos die Milch. Unterm Tisch verbergen sich frische Milchgläser und frische Torten, mehrere wird er in der quälende 2 Minuten 53 dauernden Einstellung in sich hineinstopfen. Kommentarlos, ausdruckslos. Überzeichnete Gier, auf dem familiären Präsentierteller.
Nach „Drums And Guns“ widmet sich Sparhawk zunächst seinem Seitenprojekt mit dem Low-Bassisten Steve Garrington und einem Drummer, dem garagenrockigeren, jedoch nicht minder biblischen Retribution Gospel Choir. 2008 erscheint das selbstbetitelte Debüt, das sich in schepperndem Gewand der bekannten Sparhawk-Themen annimmt und auch eine Alternativversion zum oben besprochenen „Breaker“ beinhaltet.
Kürzlich ist bereits das ebenso schlicht betitelte Album „II“ des Retribution Gospel Choir erschienen, und mit diesem Album im Gepäck verlässt Sparhawk wie so oft die Kühle von Duluth, Minnesota und sucht die Kühle fremder Städte, auf Amerika- und Europatour, um einer Handvoll Jüngern Zuspruch und Linderung zu verschaffen, wie er so oft hervorhebt, einfach Rockmusik zu machen, zumindest aber diese ergreifende innere Wärme inmitten von Zerwürfnis und Tod, die jedem seiner Songs innewohnt, in die Städte zu tragen.
Aktuelles Album: Retribution Gospel Choir „II“, 2010, Sub Pop / Low „Drums And Guns“, 2007, Sub Pop
www.myspace.com/alansparhawk (solo)
www.chairkickers.com (Low)
www.myspace.com/retributiongospelchoir (Retribution Gospel Choir)




