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Mein Sonntag

Mein Sonntagilloyal

Sonntagnachmittage zwischen Schnee, Leere und Omas Küchentisch


Wenn ich mir (wie zu hoffen ist) jemals abgewöhnen sollte, am Tagesende Bilanz über Vorgenommenes, Geschafftes, Erledigtes, Erlebtes zu ziehen, werde ich glaube ich nicht mehr so schnell in genau diese Sonntagnachmittage reingezogen. Die haben leider eine ganz schöne Nachwirkung bis in die Nacht. (Zwischenbemerkung: Was sollte ich mir an so einem Sonntag eigentlich vornehmen? Nichts. Die Bilanz ist also ausgezeichnet.)

Der Samstag verging zunächst ohne großes Tagesbewusstsein, begann katernd um 12, schmerz- beziehungsweise deliriumfrei erst um 15 Uhr. Beginn klingt gleich wieder verdächtig nach vorgefasstem Ablaufplan. Gut, um das tatsächlich erahnte Ende vorwegzunehmen, ziemlich genau um 0:00 erlosch das Licht wieder. Vorangegangen zwei Spiegeleier, 4 Tassen Kaffee (Milch, kein Zucker), Lebkuchen, ein gemischter Salat mit Rinderhüfte, ein eingerappter Part plus Becher Sweeet Chai sowie 30 Seiten Philip Roth.

Beginn Sonntag: 10 Uhr, nicht etwa durch ein paar Tasten Bill Evans, sondern durch den protofaschistischen Handywecker (DIESER Ton!)

In weiser Voraussicht spare ich mir sowohl das Frühstück und jetzt die müßige Aufzählung der verzehrten Speisen, setze mich also direkt in die Bimmelbahn und in die halbe Stunde aufs Dorf. Philip Roth (bzw Nathan Zuckerman) darf in dieser halben Stunde noch ungehemmt in die immer verschneitere und hügeligere Landschaft auf dem Weg von Köln nach Leverkusen und noch weiter hintenraus jammern, ich stimme mal gleich vorsichtshalber mit ein. Packe das Buch weg, steige quasi direkt aus der Regionalbahn an den (tatsächlich nur ca. 40 m entfernten) gedeckten Tisch und unter die lautstarke Dunstabzugshaube in Omas Küche.

Papa kommt sogleich aus dem Anbau herüber, Tante aus dem Nebenhaus: Satzanfänge wie “Ich habe mich ja auch gestern wieder tierisch geärgert” greifen in schneller Folge ineinander und wandern von Sitzplatz zu Sitzplatz. Trotz jahrelanger Übung keimt erneut die Frage, worüber man sich da jetzt eigentlich immer aufregen muss. Teil dieser jahrelangen Übung ist es aber auch, das Auftragen des Essens als Anlass zum Themenwechsel bzw -gebräbnis zu nutzen. Deckel ab, Auftritt Gans: Brust, Keulen (wieviel Keulen hatte so eine Gans nochmal?), Fett extra abgeschöpft in einer Saucière nahe dem Abfluss, Rotkohl, Klöße. Papa entkorkt gleich mal vorsorglich. Schweigen, Schmatzen.

Mit “Naja, ich muss gleich noch was arbeiten” verabschieden sich Geschwister Tante und Papa voneinander, Oma wandert ins Schlafzimmer ab und lässt sich von Dr. Norden in alpin-romantischen Mittagsschlaf wiegen bzw auf die Alm treiben, Papa entschwindet vermutlich in einen Mittagsschlaf voller Dachlatten, Motoren oder Solarzellen.

Ich entferne erstmal pflichtbewusst die überfällige, herrlich wenig nadelnde Mini-Nordmanntanne aus der Halterung, stürze sie vom Balkon, stelle sie an den Straßenrand und fege, zurück auf dem Balkon, die erstaunliche Menge Nadeln zusammen.  Vom Balkon bis zum Sofa ist es im Idealfall nicht allzuweit, ich nehme Platz, bewundere Skiflieger im durchlaufenden TV, (insbesondere das Biegen und Flattern der Skispitzen nach Absprung! Reißfest!!) wende mich dann aber doch 10 ersten Seiten Balzac zu, dessen Familie Grandet sofort breitgefächerte Assoziationen erzeugt.

Papa ist wieder wach und wählt aus der sich quasi vor unsren Füßen ergießenden Schneelandschaft das passende Spaziergangsziel aus. Das muss per Auto angesteuert werden und natürlich muss ich erst wirklich glaubhaft machen, dass mir winterliches Fahren in diesem Moment Unmut bereite, nicht um einer Diskussion aus dem Weg zu gehen, sondern um sie möglichst kurz zu halten. Ich habe Erfolg und gucke bergrauf rechts aus dem Beifahrerfenster. Manche Stoppelfelder auf der ersten Hochebene dürfen schon wieder vorsichtig an ein paar geschmolzenen Luftlöchern atmen, prallen aber spätestens am a(r)schfahlen, leicht rauchblau durchtränkten Himmel ab. Kein Durchkommen.

Selbiges Problem tritt an der ersten angefahrenen Talsperre auf.

Umkehr, neues Ziel: Wir spazieren eine große, schon x-mal in vergangenen oder verdrängten Tagen abgelaufene Traditionsloipe im Dorf neben dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Ein begrenzt gutes Vorhaben, obschon ich Papa dann doch ausreden kann, mal bei unsrem alten Haus vorbeizugehen.

Erste Schritte, an der Gabelung bei Bauer Heisel links, immer dem Pfad folgen, am Moor vorbei.

Und mit bloß einem auswendigen Schritt wabert ein unbändigbar träger kompletter Rundum-Gefühlsmatsch von links und rechts auf mich zu und zieht von unten durch meine feuchten Socken bis nach obendurch. Viel zu viel. Viel zu viel um jetzt irgendwelche flackerigen Teile auszupacken und sofort wieder einzusacken.

Zumindest auch viele Hügel, Täler, lange Pfade, Waldbestand. Da kreuzen sich zwei, drei weiße Hügel und rahmen fast vollständig genau diesen a(r)schfahlen, leicht rauchblau durchtränkten Himmel ein, in dem just eine Idee gelbgrau in der Palette wildert. Ein Stück weiter der verlässliche Baum, Wegposten bei zahlreichen Schulfahrten per Fahrrad, mitten durch die am Rand bevölkerte Einöde.

Ich versuche irgendwas davon Papa zu sagen, erwartungsgemäß mäßig erfolgreich:

“Wo ist das Problem, war doch ne schöne Zeit, ist gegessen, aber ist doch kein Problem.”

Lieber schweigend weiterstapfen, die “große Runde”. Auf dem Leverkusener Obstweg, ohne Obst, mit leeren Feldern, Fachwerkhäusern, Kindern mit Schlitten, stehengebliebenen Treckern, kleinen dicht umwucherten Bächen, leerstehenden Bauernhütten….Scheiße.

 

Runde zuende, Oma bittet noch zu Kuchen und, nicht Kaffee, sondern, Neuerung, Instant-Kakao. An jedem Platz eine zubereitungsfertig aufgeschnittene Tüte. Die gibt es also bei Kaiser’s und der Metro. Und die erfordern so gut wie keinen zusätzlichen Zucker.

Ja, ist ganz ok, der Marmorkuchen mit den Rosinen, mein Magen hat sich von der Mittagsgans erholt, nur platzt jetzt mein Kopf fast. Vielleicht auch nur vor einem Vakuum?

 

Papa bleibt noch etwas länger, er hat zu tun.

Ich nehme schleunigst den nächsten Zug nach hause, ohne Tiefgefrorenes oder mein Weihnachtsgeschenk, einen praktischen, feuerfesten Safe, mitzunehmen. Der steckt im Kofferraum.

Der Kontinuität halber lege ich mich zuhause schleunigst mit dem Balzac ins Bett, zieh die Decke übern Kopf, halt mir ganz fest die Ohren zu (Druckausgleich) und freue mich ergötzlich aufs Frühstück.

 

 

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4 Responses to “Mein Sonntag”
  1. Martin Martin sagt:

    an und für sich hat dieser artikel etwas an und für sich, dennoch mag diese scheinbar wohlüberlegte sprache(wortwahl, satzstellung) nichts zurück lassen ausser leere,
    inhaltsleere im gegensatz zu sonst allzu bekannten geschichten die das thema weihnachten und familie auf eine bezauberndere Art verarbeiten, meine empfehlung für menschen die gerne an ihrer familie rumnörgeln der film “family man”

  2. illoyal illoyal sagt:

    schade.

  3. form form sagt:

    @Martin: Mir scheint, du verwechselst “scheinbar” mit “anscheinend”. So ist es ein ziemlicher Diss. Desweiteren ist das wohl kein Nörgeln.

    Ich bin begeistert vom Text. Holla at the Literatur.

  4. Martin Martin sagt:

    Sämtliche beleidigend-wirkende Assoziationen zu meinem Kommentar sind natürlich nicht beabsichtigt und im Nachhinein muss ich form wohl in dem Punkt Recht geben , dass “nörgeln” vielleicht zu negativ konnotiert ist, vielleicht lässt es sich eher als “begeisterungslos Beobachtungen zusammeln” bezeichnen(nur Vorschlag,kein Credo).

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