Veröffentlicht von form am19. Jan 2010
Da gehts polisch zu – Teil 3
Dieses ist der dritte Streich, Teil 2 und Teil 1 erschienen schon vor langer Zeit. Memoiren vom “Ost”europaaufenthalt 2003, aufgeschrieben hinterher. Manches nicht mehr so fresh, aber der Rest geht.
“Wir waren deutscher als Stefan und Peter, die ja auch aus dem Osten kamen, da kann man das schon verstehen. Stefan, der wohl sowas wie der Leibesknecht von Peter war, holte uns ab und geleitete uns zum Straßenrestaurant, wo Peter auf uns wartete. Bierle zischt und überlegt, was denn gehen könnte. Was uns zu dem Schluss führte, es heute Abend einmal selbst im Broadway zu versuchen. Molly aus Australien ging auch mit. Wir setzten uns inmitten des ganzen Ostgesindels an einen separaten Tisch, trafen noch mal die westlichen Ostler und naja, Standard halt, der Schuppen, also heim. JJ waren schon vorher, ich rappte noch ein paar Zeilen mit den Ostbeulen.
Wir gammelten herum, wie man das halt so machte in diesen Tagen. Jens zauberte eine hervorragende Reispfanne aus seinem feurigen Arsche hervor. Geldwechseln ist auch spaßig. Und für die Ossis eine Nachricht hinterlassen ebenfalls. Gegen Abend ging es zum Cafe obendrauf, wo das Foto entstanden ist, das man sich am besten gleich mal anschaut. Und Jonathan sieht wohl aus wie Manuwel, Julians Bruder. [Ich hab es nicht eingescannt, Schande über mich]
Heute nicht so spät heim, morgen früh aufstehen, die Kurische Nehrung ruft, schreit geradezu. Wir stehen Montag in der Herrkotzfrühe von 6:30 Uhr auf, ich jedenfalls versuche im Bus nach Klaipeda zu pennen. Nach knapp zweieinhalb Stunden oder so kommen wir an. Oder vier Stunden? Egal, wir verfuhren uns jedenfalls erst mal kräftig, drei Mal in die falsche Richtung, aber son Taxi ist ja auch nicht teuer. Bis wir dann die Fähre erreichten. Alles latent angeritzt mit der Tatsache, lieber nicht den Rückbus, die letzte Fähre etc. zu verpassen.
Wir setzten fröhlich über, es war ein wundervoller TAAAG. Und da hatte einer ein Eminem T-Shirt an, oder irgendwas mit HipHop schwirrt mir im Kopf rum, wenn ich da alte Memorycards ausgrabe. Wir machten uns auf den Weg in Richtung Strand/Killerdüne (übrigens die, an der Verheugen nacktbaden war, damals zwar nicht, aber immerhin). Es ging durch den Wald, der durchsetzt war von Trimm-dich-Ereiferungen. Ein hübscher Weg ohne Kies, dass es sowas noch gibt. Dann kamen wir zum Deich (?), jedenfalls gings kurz hoch und schon haute uns der Wind seine Argumente um die Ohren, dass es nur so pfiff. Aber der Strand war göttlich, keine Sau nirgends, schön frisch, aber immer noch warm genug, nicht zu sterben. Ich untergrabe Julians Autorität (seinen Arsch) und er fällt nach hinten herab.

Dann wird der Rest auch noch eingesandet und der Pullie vors Gesicht gehängt. JJ sind so wahnsinnig, sich ins Wasser zu begeben, das dauert geschätzte zwanzig Sekunden. Nun lasse ich mich vom Sand fressen, so ein SPAAß!!! Ich beschließe, meinen tief in mir vor sich hinschlummernden Wunsch, bei diesen natürlich hervorgebrachten, windgestählten “Super-Verhältnissen” gegen den Wind zu pissen, aufzuwecken und der Weltöffentlichkeit zu offenbaren.
Diese besteht im Moment nur aus Double Jay und mir, die Welt ist klein in diesen Stunden. Und doch so groß, der Blick aufs Meer öffnet alle Poren und lässt das Hirn atmen. Wir besaufen uns kräftig mit dem mitgebrachten Wasser und verbringen die überhängende Zeit mit Sandscratchen. Crazy Sounds, die da aus den Körner fliegen, wir rennen wie die Halbdaggel im Kreis, konzentrische Ellipsen und paralyptische Kaoptinestren.
Dann die Stunde der Arbeit. Jens fotot uns, der Apparat öffnet sich nicht ganz bzw. nur ein wenig und so entsteht ein sehr gelungenes Abbild unserer Personen, wie wir historische Dinge vollbringen.
Nach getaner Bepissung und Vorlachenbepissung müssen wir uns im Salzwasser von unseren Sünden reinwaschen und schreien dabei wie am Spieß, weil es kälter ist als Edmund Stoibers Lächeln.
Entsanden. Oh ja, entsanden, das ist ganz schöne Arbeit. Aber was tut man nicht alles für Deutschland? Wenn wir schon keine Mädels anziehen, ziehen wir uns danach wenigstens selbst an, kommen auf dem Rückweg durch den nun durch geilste Untergangssonne in Killerlicht getauchten Wald auf die erotische Idee, vor der morgigen Wegfahrt besser noch etwas für Essen kauf. Also über die Fähre an der Frau mit dem vielen Bernsteinzeugs vorbei zu einem Heino, der uns an ein großes Einkaufszentrum verweist. Wir kalkulieren knapp, aber Fressen muss man auch, wa!?!
Also über den Parkplatz gewalked und rin in das Zentrum. Mann, hats da viele hübsche Frauen mit Ostbrillen. EIER! Schnell was gekauft (Backwaren) und nu aber los. Es wird echt knipp knupp. STRESS ist voll da. Total.
Die Taxis sind alle irgendwie untauglich, der Bus kommt nicht und wir halten schlussendlich ein Bustaxi an, das uns wohlbehalten am Bahnhof wieder rauskotzt. Dort will uns einer Geld für Essen abschwatzen, was wir mit einem gekonnten HierhastdueinenApfel kontern. Einer will auch noch die Vorzüge seines Privattaxis im Vergleich zum Bus hervorheben, aber so ein Generve ist jetzt nicht mehr drin. Lieber heimelig im Bus gammeln. Und zwar richtig volle Kanne. Ich penn auf der Rückbank, die anderen lesen/schreiben Doktorarbeiten über Quantenphysik/Tantenmystik.
Ich schnipfel mir die Fußnägel endlich mal mit einem Klipper aus U!S!A! Und ich weiß noch, wie meine gewaschenen T-shirts im Wind hingen und ich mir überlegte, ob die wohl jemand klaut.
Abends wird romdappt, Luft gschnappt mit Jonathan, dem freundlichen Amerikaner von der Ecke im Zimmer. Das zu Beginn sehr ziellos vor sich hin stromernde Gedöns wird durch das Treffen von polischen Mädels und zwei Jungs aufgebrochen. Verständlicherweise haben die zwei Jungs etwas dagegen, dass wir ihre Monopolstellung kleinhacken, aber wir lassen nicht mehr los. Es ist wohl der Ausflug einer Theaterschulklasse, die Mädels sind ca. 17, also dumm. Aber hübsch und nett. Und bisweilen auch schlau. Aber die tiefsinnigen Gespräche haben sich bei mir im Head irgendwie etwas an den Rand gedrängt.
Dieses Mal übertreibe ich nicht, wenn ich feststelle, dass wir EWIGKEITEN herumgelaufen sind. Auf der Suche nach einem Laden, der uns des Nachts noch Alkohol verkaufen könnte. Daraus wurde nichts. HALT, doch! Ein 24h Shop, aber irgendwie leisteten wir uns dann doch nicht gar so viel. Also zurück und Schüss, Mädels. Jonathan performt ein paar Freestylepoems und trägt uns auch ein paar seiner schon gefertigten Werke vor. Ich erinnere mich an einen wirklich geilen Text über seine Oma. Überlebensfreude.
Er war schon in diversen Gegenden der Erde, ein inspirierender Mensch. Der mir übrigens zu meinem Brasilienaufenthalt verholfen hat. Als ich ihn fragte, wo es denn bisher am Besten war, nannte er Maisomenosien. Da der nächste Tag unseren Abflug featuret, müssen wir ein letztes Mal durch die Gates of Dawn und legen uns zur Schläfrigkeit. Für mich ist die Nacht weniger cool, Yoshi schnarcht und mich plagen Alpträume, die sich ja dann auch bewahrheitet haben
(siehe auch “Ein Abzug bitte”, Oeuvre/Lesen/Gedichte/war).
Jetzt hab ich aber noch gar nichts über die Schäpäner erzählt. Die kochen immer so aufwändig und sind generell still und freundlich. Bis mich einer von ihnen “Eier” nennt, weil es das ist, was er von mir weiß, komme ich nicht auf den Gedanken, dass die auch krass sein könnten. Danach bin ich mir nicht mehr so sicher.
Wie dem auch sei, morgens wird gepackt im Delirium. Julian und ich holen das Ticket bis zur Grenze, da uns danach ja die Obhut des Polrailpass vor allen Widrigkeiten des Zugfahrenlassens schützt.
In der Zwischenzeit kocht Jens uns was Leckeres, die von uns gekaufte und mit dem unmissverständlichen Schriftzug
__________________________________________________ _______(hier eintragen) gekennzeichnete Milch wurde allen Ernstes doch angerührt, was uns aber kaum juckt. Basiert das auf Tatsachen? Hmm…? Wir werfen uns in den Zug, sagen Tschüss Litauen, Tschüss Youth Hostel blabla. Das erste Mal müssen wir in ein Großraumabteil und der Mann am Radiolautstärkeknopf zeigt keine Gnade. Die schlimmste Variante von Dancefloorkrampfstampfscheiße, SCHEIßMUSIK, SCHEIßMUSIK! Ich schreibe so vor mich hin, es passieren nun nicht die krassen Dinge, die uns auf den anfänglichen Fahrten so passiert sind. Sieht man vom üblichen Furzen, Stinken, Spacken und dem mäßigen Essen ab. Kann mir jemand erklären, was folgender Notizeneintrag zu sagen hat: “Broccoliverkäufer, der sich über Füße amüsiert”? Bitte?

In Sestokai wird umgestiegen, danach landen wir endlich alleine in einem Mic. Ich höre zu viel inhaltlich einbahnstraßigen Rap, ich meine natürlich Abteil. Die letzten Litas (Litos?, kann meine Schrift nicht lesen) werden zurückgetauscht, auf dass wir Polen mit kapitalistischem Auswuchs beglücken.
Die Züge sind wie immer langsam und so dauert es bis spät in den Abend, bis wir wieder in Warschau ankommen. Diese Polen nehmen einen ganz schön aus, kann mich nicht erinnern, JEMALS zu einem schlechteren Kursk Geld geweichselt zu haben als in Warschau in jener Nacht. Dann schmeckt auch noch der Bahnhofsdöner scheiße, mich kann man eintüten. Zum Glück geht es weiter nach Krakow.
Wir erwischen ein Abteil, wo auch nur einer drin sitzt, die Jungs üben sich im “Ich schlafen kann”, ich bin weit vorne in der Disziplin “Wachbleiben bis ins Koma”. Als wir Krakow erreichen, muss ich sowas von dringend pissen, richtig arg. Erleichterung kann so schön sein. Außerdem ist die Stadt um 5 Uhr morgends übrigens auch sehr nett anzusehen, die Straßen glänzen noch vom nächtlichen Straßenreinigungsshit. Wir nehmen das Taxi zur Juhe, die wir dieses Mal recht schnell finden. Ich bin zu müde für Hunger und sterbe anteilig auf der Couch, während JJ sich deswegen auf den Weg zum Marktplatz machen und auch keine Lust verspüren, noch bis “later” zu warten. Ein Foto entsteht in den frühen Morgenstunden, Bier, Essen.

Ich erwache gegen 8/9 Uhr aus meiner Dämmerung, ziehe meine Schuhe an und erkundige mich mal vorsichtig, ob man “später” vielleicht auch noch eingrenzen könne, du siehst, doch, wie ich aussehe, MANN! JJ kommen nun zurück und wir können endlich ins heißersehnte Bett. Pennen bis 16:30 Uhr. Oh, ist das schön. Dann werden Nudeln mit einer Soße, scheißegal, bloß Hunger wie ein Russe, in mich hineingestopft. Anschließend das Judenviertel anschauen, ein Eis essen und “nie mehr aufstehen”. Das hält 5 Minuten. Wir laufen dann noch in die Innenstadt zu diesem krass geilen Marktplatz, der nun auch wieder voller Menschen ist. Ich geh noch ein Mal ins Internetcafe, JJ zischen wieder Biers. Ist mir schon wieder zu blöd, herauszufinden, was dieser Eintrag zu bedeuten hat: Unter Statue, Bluesschreier.
War wohl einer, der laut gesungen hat. Jedenfalls ruinierten Julian und ich danach gehörig unsere Stimmbänder, indem wir gut 20 Minuten mit eingezogener Stimme redeten. Jens aß darauf gut etwas in sich hinein, das ist eine Riesensauerei, die Polen kennen wohl keinen Beton, tsss. Wir gehen ein letztes Mal zurück zum Marktplatz, ziehen uns den coolen Trompeter rein und flüchten in die Juhe. Fernando aus Mexiko ist wohl schwul, auf jeden Fall will er es sich nicht entgehen lassen, ein Foto mit mir ohne T-Shirt zu bekommen. Jetzt weiß ich, wie Verona Feldbusch sich fühlen muss. Sofern sie so drauf ist wie ich. Was ich dann doch bezweifle. Also lassen wir den Gedanken.
Fernando ist es auch, der sich Sorgen um mein Gewicht macht. Und wenn ich mir Fotos anschaue, kann ich ihn auch gut verstehen. Das waren höchstens 65 Kilo, wahrscheinlich weniger.
Eiskaltes Duschen hilft da auch kein Stück, du Depp! Aber es war halt so. Nur noch schlafen und am nächsten den vorletzten Tag unserer Reise antreten. Wir stücken früh, ein Amerikaner aus Seattle hat es hier hereingeschafft und schon sind wir wieder fort. Die Tram zum Bahnhof ist umsonst, wenn man nicht bezahlt. Am Bahnhof ist alles voller Stände, was man nicht alles verkaufen kann, meine Fresse! Ursprünglich war der Plan, auf dem Rückweg ein weiteres Mal Prag Tag sag. Aber das Ticket nach Prag war so krass teuer, da war das halt nicht drin.
Dann halt nommel Wroclaw, war ja auch schön gewesen. In der Stadt suchen wir uns eine Übernachtung, finden nix. Erst geh ich suchen, dann gehen JJ. Aber außer uns geht da nix. Treffen einen Ami, der auch nach Vilnius kommt, wo wir ihm natürlich gleich die geilsten Contacts geben können, cool, wie wir sind. Um der Verzweiflung zuvorzukommen, entschließen wir uns, den Campingplatz vom letzten Mal heimzusuchen, kein Problem, die Tram nimmt uns sogar genauso mit, wie wir uns das dachten. Zurück zum Bahnhof ist ja auch nervig. Das Zelt wird ziemlich schief aufgebaut, egal. Kochen und dann raus an den Steg, wo wir bis tief in die Nacht mit Argumenten rund um “Was bringt Indizierung” auf uns einkloppen.
Als wir uns dann zurückziehen von diesem lauschigen Plätzchen wiesawi zu einer Disco, fängt es an zu gewittern. Ich liege so rum bis 3 Uhr, steh wie die beiden anderen um 6:15 Uhr auf und packe alles. Wir nehmen uns ein Taxi zum Dworschetz, pennen so vor uns hin, fahren fleißig Zug, sind reich an Eindrücken, treffen tschechische Schulklassen, Mädels, die mir tschechischen HipHop schenken, bauen Scheiße und BAUEN SCHEIßE.
Die ganze Zugerei verspätet sich, wir müssen in Prag unseren Anschluss kriegen. Der Schaffner erzählt etwas von 15 Minuten Verspätung, doch hat er geologen, wie sich herausstellt.
Für vielleicht außenstehende Leser interessant: Auch wenn wir von Soldaten mit gezogenen MPs, scharfäugigen Russenkontrolleuren und scharwenzelnden Oberaufsehern durchleuchtet worden waren, nirgends sind die Kontrollen so krass wie die ins Land der Bajuwaren. Erst ist Jens langhaarig. Dann auch noch bärtig. Und dann raucht er auch noch Pfeife und gibt das zu. Was zur Folge hat, dass sich die Weiterfahrt des Zuges um zehn Minuten verzögert. Wir hängen danach, schlagfertig, wie wir sind, unseren Arsch zum Fenster raus, aber die Herren in Grün müssen wohl in eine andere Richtung geschaut haben.

Statt ein weiteres Mal angehalten und gegrillt zu werden, schiebt uns der ICE in voller Heizung nach Schorndorf, kurz vorher begegnet mir auch noch der Jörg. Jetzt heißt es erst mal Ankommen in Deutschland, endlich wieder gscheit essen und von Jens´ Eltern fröhlich abgeholt werden. Geilo!”





hey, kuhle Bilder, besonders wegen der Farben? Is doch Spiegelreflex, oder gar noch Analog?
Analog und eingescannt.