Veröffentlicht von illoyal am13. Dez 2009
Danke!
Was geschieht mit hunderten unbeantworteten Mails?
Je mehr der Verkehr zwischen Menschen entkörperlicht wird, desto mehr wird dieser Verkehr zur Sache von Zufall, Willkür, Glück.
Mir scheint in besonders verärgerten Momenten, dass man einen nicht geringen Teil seiner Identität darüber aufbaut, auf wessen SMS, myspacenachrichten oder Foreneinträge man reagiert und welche nunmal nicht. Von offiziellen Angelegenheiten wie Bewerbungen ganz zu schweigen.
Es gibt Tage, an denen fühle ich mich wie in einer unsichtbaren, weil virtuellen, Glaszelle. Oder wie hinter einer Fensterscheibe im Bus, über der von außen Werbung klebt. Die ist innen porös, man kann nach draußen winken, sieht aber keiner.
Solchen Tagen gehen Tage bzw Wochen des insgeheimen Abwartens von Antworten auf solche ausgesandten Winke vor, die selbstredend ungesehen bleiben. Oder, noch schlimmer, ich sehe anhand bestimmter Funktionen, dass sie gesehen wurden. Und bekomme keine Reaktion.
Kurz gesagt, man kommt sich vor wie der letzte Idiot, da das Gros von Menschen um einen herum, jedwedes Lebenskreises, einen offensichtlich nicht ernst nimmt oder nicht als einer Antwort würdig betrachtet. Gehen wir mal auf Motivsuche.
Macht es die Kommunikationsform?
Ein Nichtantworten wird häufig damit geschlabbert, dass man “unerdenklich viele Anfragen” etc. bekäme. Das mag für Konzertveranstalter und ähnliche hochfrequentierte Adressträger zutreffen. Allein das ärgert mich regelmäßig, da es genug Künstler gibt, denen tatsächlich geantwortet wird, und es somit wieder eine augenscheinlich willkürliche Auswahl ist. Vielleicht auch nur mangelndes kommerzielles Potential, who knows. Zumindest funktioniert das alles so gut, dass man konzertant nichts spontan realisieren kann. Also offenkundig einfach kein Interesse zB an amerikanischem Rapper mit Begleitband im Autonomen Jugendzentrum. Gut. Eine Antwort mit “Wir haben kein Interesse” habe ich genau einmal bekommen. Die Nichtantwort bleibt suggestiv in jede der oben genannten Richtungen. Und bleibt scheiße, weil man nunmal ohne Majorlabel und Bookingagentur keine anderen Möglichkeiten zur Veranstaltung von Konzerten hat
Etwas Anderes ist es, wenn man beispielsweise Menschen aus dem, sagen wir mal, näheren Umfeld per SMS oder email zu, etwa, seinem Geburtstag einlädt.
Ich bin so erzogen worden, dass ich a) freundliche Einladungen annehme oder b) freundlich absage. Das Tagesaufkommen von ca. 20 SMS-Rezipienten ist doch wohl hoffentlich nicht so hoch, dass es zu völliger körperlicher Erschöpfung führen würde, auf etwaige Einladung überhaupt eine Reaktion zu zeigen? Ich werde wirklich sauer, wenn ich im Anschluss bei einem Zusammentreffen in körperlicher Anwesenheit etwa folgendes zu hören bekomme: “Ja, du hast gefeiert, hab ich gelesen”. Offenbar aber keine Notwendigkeit, irgendwie das Kommen in Erwägung zu ziehen oder gar in Antwortform zu reagieren. Wieso um Himmels Willen muss mein Gegenüber mir jetzt also noch seine Herablassung unter die Nase reiben? Die Implikation ist klar, man hat nicht im Traum ein Kommen in Erwägung gezogen, und so erübrigt sich selbstredend jede Form der Rückmeldung. Freunde? Geht so.
Vielleicht ist es auch nicht die Kommunikationsform, sondern nur eine fundamental falsche Selbsteinschätzung. Ich bin kein Rezeptionsforscher, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Art der Selbsteinschätzung in Formen des Miteinanders im Internet und im von bestimmten Magazinen vermittelten Selbstbild des jungen, unabhängigen Pseudobohème fußt.
Wir alle haben unsere Nasen, je nach Interessenlage, in Foren. Einige besonders Aparte haben sogar eine Myspaceseite. Nicht, weil sie sich musikalisch, filmisch oder sonstwie präsentieren möchten, sondern zwecks Selbstpräsentation als Rezipient und Netzwerken mit anderen Rezipienten.
Darüber könnte ich jetzt schon wieder stundenlang herziehen, fasse mich aber kurz und werfe ne kleine These in den Raum: So, wie die Steuerung der Informationsvergabe zu allen möglichen Themen über Internetplattformen läuft, so verhalten und präsentieren sich auch die Rezipienten: “Intro empfiehlt”, geil! Reinhören, Bestenliste, always on my mind. “Myspace featured artist” oder wessen täglicher Musikblog auch immer: Ein Indiekult wird innerhalb von zwei Wochen aus dem Boden gestampft. Man sucht sich also so tröpfchenweise seine, unbedingt aktuellen, Lieblingsacts vom medialen Präsentierteller herunter, inkorporiert das, macht noch ein Foto in Pumps und Strumpfhose mit Pappschild (dummer Spruch drauf) mit der Polaroid und “akzeptiert keine Anfragen von Bands”, da man sich natürlich selbst aussucht, welchen Künstlern die zweifelhafte Ehre der Myspacefreundschaft zuteil werden darf.
Das alles, zugegeben etwas vereinfacht, dient wie gesagt nur der Motivsuche und lässt sich einfach runterbrechen: Man ist bereitwilliger Rezipient von allerhand Schwachsinn, sofern er richtig angeboten wird und meint aus der untereinander ebenbürtigen Präsentation dieser Haltungen, gerne mit Foto, so etwas wie ein gefühltes “Stardasein” ableiten zu können. Gar nicht zu erwähnen, dass jedweder künstlerischer Inhalt, der solchen Leuten in körperlicher Anwesenheit und nicht von dem und dem Redakteur, Forum oder Blog angeboten wird, nicht beachtet werden braucht oder gar als Profilneurose des Gegenüber verlacht wird. Anderes Thema.
Könnte es genau dieses gefühlte “Stardasein” sein, das Menschen um mich herum hindert, zu antworten? Reißen sich jeden Tag zwanzig im Coolnessgrad variierende Persönlichkeiten aus Funk und Fernsehen um deren Anwesenheit? Ich kann ja nur von mir ausgehen, da ist es definitiv nicht der Fall (sonst würde ich natürlich auch nicht so “rumheulen”!) und normalerweise dachte ich immer, so Leute zu meiden.
Also was ist los mit euch? Lasst mich doch nicht mit Kieseln werfen, wo man einfach auf ein Klopfen an der Scheibe reagieren könnte?
Und das wird jetzt hier pathetisch zum generellen Aufruf: Ich sehe nicht ein, mich jetzt komplett einzuigeln. Also egal in welchem der angesprochenen Bereiche, könnte man sich nicht einfach die Minute nehmen? “Scheiße, auf keinen Fall” ist soviel zufriedenstellender als “”!





Da heute Einladungen meistens, wie oben beschrieben, als Massenversand per E-Mail, Netzwerke, SMS rumgeschickt werden, nehmen diese nur einen Platz neben diversen anderen Massenversendeten Nachrichten ein und verlieren jede persönliche Note. Wenn ich schon sehe, dass ich nur Teil einer Masse bin die da per Knopfdruck eingeladen wurde fühle ich mich nicht animiert persönlich zu antworten. Nur wenn ich persönlich oldschool eingeladen wurde, werd ich auch sagen ob ich komme oder nicht. So richtig mit echter Sprache am Telefon oder per Mail, die nicht per BCC an alle geschickt wurde. So macht man das bei Freunden. Alles andere ist wie ein Flyer, der in meiner Hosentasche verschwindet und schlimmstenfalls mit in der Waschmaschine landet. Mit Stardasein hat das wenig zu tun.
Er schreibt aber überhaupt nicht vom Massenversand, jedenfalls nicht hauptsächlich.
Ich kenne es auch in aller Leidigkeit und weiß dann nie, ob ich eigentlich zu Recht sauer bin. Man schreibt lang und breit und es kommt nichts zurück.
Dass die Anzahl der Friends aber steigt, während die tatsächliche interpersonale Kommunikation abnimmt, hat wohl schon etwas damit zu tun, dass so viel geredet wird. Aber alle in den luftleeren Raum hinein und die meisten fühlen sich, wie Jan, davon nicht angesprochen. Mir gehts da anders, ich fühle mich schon angesprochen, wenn ich eine Mail bekomme, auch wenn andere die ebenfalls kriegen.
Das heißt doch aber nicht, dass man nicht antworten muss, wenn man angesprochen wird. Wahrscheinlich ist es tatsächlich Faulheit, weil die Kommunikation insgesamt einen großen Teil im Leben der Menschen im Internet einnimmt und sich viele nicht bewusst sind, dass sie sich von Gsicht zu Gsicht nie herausnehmen würden, auf eine freundliche Frage gepaart mit freundlicher Konversation einfach nicht zu antworten.
Und es hat meiner Einschätzung nach schon etwas von Stardasein, wenn Leute extra betonen müssen, zu wessen Party sie schon eingeladen wurden oder mit wem sie sonst so verkehren. Oder nur aus repräsentativen Zwecken entscheiden, ob sie mit manchen Menschen etwas zu tun haben wollen.