Veröffentlicht von Alissa am7. Dez 2009
Jazz in the City
Die ersten grauen Sonnenstrahlen streiften das zerkratzte Fenster des Zugabteils C 45-51 München – Bukarest und fielen auf den leeren Sitzplatz 50. Kaltes Licht machte plötzlich Staubpartikel und diverse Fingerabdrücke auf der Fensterscheibe sichtbar. Das verrückte Mädchen auf Sitz 47 presste ihren Kopf gegen das Glas und starrte abwechselnd auf den Sitzplatz 50 gegenüber und in die verschwommene Landschaft hinter dem Fenster. Ihr Kopf ruckelte, sie konnte die Abteiltür rhythmisch klappern hören. Ein zufriedener zarter Seufzer, sie hielt sich den Bauch.
Das verrückte Mädchen beschloss drei Dinge: Nachtzüge sind das wunderbarste Transportmittel. Ab jetzt sollte nach Sonnenuntergang möglichst wenig geschlafen werden, denn es gab zu viel zu erleben in dieser Zeit. Unter keinen Umständen dürfte sie es sich entgehen lassen eines der Zugschilder München – Bukarest zu stehlen.
Eine Nacht mit einem Musikanten aus Paris. Von neun Uhr Abends bis 05:45 Uhr. Warum musste er nur früher aussteigen als sie? Abgestandener Rauch und ein anderer warmer Duft füllten das Zugabteil wie ein Aquarium und sie schwamm mittendrin.
Zwei Monate später hatte sie aufgegben jenen sagenhaften Musiker heiraten zu wollen um eine Pariser Muse zu werden. Im April, Klassenfahrt in die Stadt der Liebe und eine neue Romanze: elf Jahre älter als sie, Fotograf. Mit 180 Sachen über die Champs-Élyseés, vier Uhr früh, den Kopf aus dem Wagenfenster in den Wind strecken.
Er: “Lässt du mir wenigstens einen Schuh, verehrte Cinderella?”
Und Sie: “Ich habe nur ein Paar dabei, aber du kannst meine Socke haben.”
Sie zieht die linke Socke vom Fuß und er presst sie sich lachend gegen die Nase. Nächsten Sommer mit Interrail und der besten Freundin nach Athen. Träume von der Karriere als Regisseurin und unbedingt mehr Socken verlieren, mehr Zugschilder stehlen. Wann kommt der Ernst des Lebens, dieser langweilige Kerl?
“Mittlerweile würde ich ihn mit offenen Armen empfangen, diesen berühmten, so genannten Ernst des Lebens.” – vertraut mir das verrückte Mädchen an. Da war sie schon beinahe kein Mädchen mehr sondern eine junge Frau um die Fünfundzwanzig. Sie lehnte gegen den Tresen und bestellte Martini mit einer etwas gekünstelten Selbstverständlichkeit.
Hätten wir in Amerika in den Vierzigern gelebt wären wir als das Pärchen auf Edward Hoppers Gemälde “Nachtschwärmer” verewigt worden. 76,2 x 144 cm, Öl auf Leinwand, amerikanischer Realismus. Was für ein atmosphärisches Bild: die schlafende Großstadt, nur dieses Paar in Abendgarderobe und der Barmann, noch ein einsamer Trinker mit dem Rücken zum Betrachter. Wir sind die Nacht.
“Ich bin die Nacht.” – sagt sie. Was für ein verrücktes Mädchen. “Ich bin die Unbekannte am Tresen. Der anonyme Passant. Die geheimnisvolle Frau in der ersten U-Bahn.” Ich lache sie aus, diese Träumerin. In zehn Jahren: fester Job, freundlicher Ehemann und Scherben einer wilden Jugend. “Ach, ja? Ich bin auch die Nacht. Seit einigen Jahren länger als du.”
Sie sieht mich spöttisch an und fordert ihr von der besten Zeit zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang zu berichten, die ich auf dieser Erde verlebt habe. Wir würden sehen wer hier die Nacht sei.
Keine Nacht beginnt in der Nacht. Max und ich hatten abends angefangen Wein auf dem Balkon der Nachbarn zu trinken bis sie uns verscheuchten und wir hastig über die Regenrinne fliehen mussten. An diesem Abend schaffte Max es nicht zurück zu unserem Wohnzimmerfenster zu klettern: er fiel zwei Stockwerke tiefer auf den Gehsteig und ängstigte eine alte Dame und ihren alten Hund zu Tode. Ungeachtet einiger bösartiger Prellungen blieb Max unversehrt. Der größte Adrenalin schock aller Zeiten wurde mit himmelhoch jauchzender Euphorie belohnt als ich sah dass Max sich nach seinem Sturz von Pflaster erhob und den Rücken rieb. In der darauf folgenden Nacht feierten Max und ich das Leben.
Wir versetzten uns in angenehmen Rauschzustand und hüpften auf dem Bett, wir schütteten Bier auf das Parkett und rutschten auf unseren Hosen vom Wohnzimmer bis zur Haustür, wir bestellten Chinesisch und jagten den armen Lieferanten durch das Treppenhaus. Dann kamen zwei Einbrecher durch das Klofenster und wir luden sie auf Brandy und Frühlingsrollen ein. Jemand kotzte die Kloschüssel voll und alles hatte seine Ästhetik. Um halb drei bestellte Max´ Verlobte uns ein Taxi, wir quetschten uns mit den betrunkenen Einbrechern auf den Rücksitz und fuhren über eine Brücke, wo Max und ich die beiden anderen aus dem Wagen warfen. Der Taxifahrer war erst achtzehn und hieß Samir. „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ – sagte ich ihm und gab großzügiges Trinkgeld. Wir trafen einen Jazzmusiker der sich das Leben nehmen wollte und überredeten ihn bis zum nächsten Morgen zu warten, schenkten unsere Schuhe einem Bettler und liefen über Glasscherben in einem Park. Um fünf Uhr Morgens küsste ich die Bäckersfrau aus Georges Backstube. Sie roch nach frisch gebackenen Croissants – den ersten des Tages. In der druckfrischen Lokalzeitung stand dass letzte Nacht eine Frau nach acht Jahren aus dem Koma erwacht sei. Es lebe das Leben, es lebe das Nachtleben.
„Und weißt du was das Beste daran war?“- frage ich das verrückte Mädchen verschwörerisch.
„Der Schlaf danach?“
Ich lache.
„Nein. Dieser Jazzmusiker brachte sich tatsächlich erst am nächten Morgen um. Er war ein berühmter Kerl, habe seinen Namen vergessen. Ein Rumäne der in Paris lebte. Wir lasen es dann in der Tageszeitung und erkannten ihn am Photo.“
Sie leerte ihr Martini Glas und sah auf die Uhr. Habe ich Sie etwa gelangweilt, schöne Frau, Nachtfalter in Abendkleid?
„Nein.“ – sagt sie. „Tanzt du Cha-Cha?“
„Noch nicht müde?“
„Es ist nicht mal drei Uhr. Ich gehe erst zu Bett wenn die Sonne aufgeht, das habe ich mir selbst versprochen. Je mehr schlaflose Nächte desto besser.“
Wir tanzen bis die Sonne aufgeht. Auf dem Regal neben ihrem Bett stehen sämtliche Schilder aufgereiht: Prag – BerlinNachtzugCL435672, Regensburg – Amsterdam InterCity Express, München – Bukarest DB 4522-467, … von der Art wie sie an Zugtüren angebracht werden. Eine beeindruckende Sammlung. Gelobt seinen die schlaflosen Nächte mit zwischenmenschlicher Wärme, zwei Nachtschwärmer treffen aufeinander. Ein Kreis schließt sich. Adrian Coriolan Gaspar war eine Ikone des modernen Instrumental Jazz, sie hatte ihn gekannt und zeigte mir sogar den Artikel über seinen Selbstmord den sie aus einer Tageszeitung geschnitten hatte. Ich erkannte ihn am Photo.





sehr gut geschrieben. braves mädchen!
meine Tochter ist die beste!
sehr animierend geschrieben; beim Lesen bekommt man Lust mal wieder selbst ins Nachtleben einzutauchen – Klasse !
Die Geschichte ist ganz interessant, mir gefällt es, dass der “tote Jazzmusiker” eine Ikone des Instrumental Jazz war
mein Name ist ganz zufällig Adrian Coriolan Gaspar und ich bin ganz zufällig Jazzmusiker, aber ich lebe noch und hab auch nicht vor Selbstmord zu begehen, also, wer das liest und sich davon überzeugen möchte, der möge doch ein Konzert von mir besuchen
) Ich lebe noch, also macht davon Gebrauch und genießt meine Musik
Lg.
Adrian Coriolan Gaspar