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HEIMATLOSigkeit

HEIMATLOSigkeit

Wir wissen, es gibt nicht für alles eine plausible Erklärung auf dieser Welt. Weshalb man sich wie fühlt bzw. weshalb man sich wie nicht fühlt, ist für einige von uns, selbst wenn sie sich zum Frühstück und zum abendlichen Glas Wein selbst reflektieren, ein Mysterium.

Mein Name: egal! Wichtig allein: er klingt nicht als käme er von HIER. Was auch immer dahinter steckt, kann, da Kinder heutzutage nach Früchten und nach Jeansmarken benannt werden, kaum mehr Aufsehen erregen. Die Fragen, die mich, seitdem ich eigenständig denken kann beschäftigten: Wo genau ist meine Heimat? Wann ist man heimatlos? Oder besser und die Basis, um darüber ausgiebig diskutieren zu können: Was ist eigentlich eine Heimat?

Im wissenschaftlichen Diskurs ist Heimat wie folgt definiert: Die Heimat beschreibt zunächst den Ort, in den man hineingeboren wurde. Trotz dieser klaren Definition tun sich einige mit dem Wort Heimat ziemlich schwer. Ein Antifa-Anhänger würde gröhlen: „Was Heimat? Du scheiß Fascho! Wir scheißen auf Deutschland!“ Ein Konservativer würde vielleicht antworten: „Heimat ist dort, wo ich im Bürgerhaus nach der Arbeit mein Bierchen trinken kann.“ Ein Nazi würde mit seiner Parole nicht lange hinterm Berg halten und dazu appellieren „die Hand zum Bunde“ zu reichen.

Bereits als Kind war mir klar, dass irgendetwas an mir anders sein musste. Ich bin mir sicher, dass man sich selbst als Deutscher in der Bundesrepublik fremd fühlen kann. Sonst könnte man wohl nicht allabendlich Menschen begutachten, die in Sendungen wie „Auf und Davon“ oder „Die Auswanderer“ demonstrieren, dass es ein Wunsch vieler ist, einfach eine Fliege zu machen. Bei mir war es weniger ein Gefühl, was sich eigenständig entwickelte,  als mehr eine permanente Konfrontation mit der Andersartigkeit durch externe Faktoren. Wie soll man sich „heimisch“ fühlen, wenn man jedes Mal gefragt wird: „Woher kommt ihr Name?“ „Oh, Sie sind Türkin. Sie sprechen aber wirklich gut Deutsch!“ Danke, ich weiß! Hochdeutsch kann in der heutigen Zeit schon sehr befremdlich klingen, aber muss man mir das jedes Mal auf das Fladenbrot schmieren? Eine sich immer wiederholende Szene auf Kindergeburtstagen war, dass ich das Gefühl hatte, das die Mütter der Geburtstagskinder anscheinend drei Stunden länger als nötig in der Küche stehen mussten, um für mich vegetarische Pizzabrötchen zu machen, da ich bekanntlich kein Schweinchenfleisch esse!

Das Thema als solches ist für mich nicht weniger aktuell, nur weil ich fließend Deutsch spreche und in Deutschland geboren wurde. Im Gegenteil, aufgrund der Tatsache, dass manche Eltern großen Wert darauf legen, das ihre Kinder eine für sie fremde Sprache perfekt beherrschen, kann es passieren, dass man das Gefühl und die Hingabe zur eigenen Muttersprache verliert. Für alle die es nicht wissen: Das ist die Sprache, die die Mutter spricht, nicht der Vater! Daraus folgt, eine erneute Konfrontation mit dem Gefühl der Fremde in der Fremde. Es kann einen ziemlichen Knall mit der Realität verursachen, wenn man im Urlaub bei seinen Großeltern nicht mehr alleine zum Friseur gehen kann, weil man nicht weiß, wie man den Friseuren erklären soll, was ein beschissener Pony ist und ganz wichtig, dass einem Stufen einfach nicht stehen!

Die meisten Leute, die ich zu diesem Thema befragt habe, assoziierten mit dem Wort Heimat lediglich ein Gefühl. Ein Gefühl, das sie meist nicht beschreiben konnten. Ist es ein Gefühl der Wärme? Der Sicherheit? Sagen zu können: „Hier gehöre ich hin.“? Oder hier wurde ich schlicht und ergreifend geboren? Für mich persönlich ist es eher ein Gefühl, angekommen zu sein. Meinetwegen in einer Gesellschaft, einer Region oder in einem Freundeskreis.

Vor kurzem schrieb ich jemanden in einem medialen, deutschlandweiten Netzwerk an, der aufgrund seines Nicknames den Anschein machte, sich mit dem Thema Heimatlosigkeit auseinandergesetzt zu haben. Er antwortete kurzerhand mit folgendem Text:

„Heimatlosigkeit ist ein Empfinden und es spielt dabei keine Rolle, wo du lebst oder wo du geboren bist. Zehn qm Erde irgendwo auf dieser Welt, kann man Heimat nennen, wenn man sich dort “wohl” fühlt. Unter “wohl” verstehe ich: Toleranz, Anerkennung, Friede und Geborgenheit.“

Ich empfand diese Definition von Heimat als bereits sehr gelungen. Man sollte sich nicht so sehr an diesem Wort „Heimat“ festbeißen, sich daran krallen, denn es ist nur ein Wort und keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Anfang des 20. Jahrhunderts sprachen bereits die Expressionisten von der transzendentalen Obdachlosigkeit, die scheinbar bis heute ihre Nachwirkungen hat.

Die Frage, ob Deutschland nun meine Heimat ist oder nicht, ist für mich dennoch nicht beantwortet worden. Verdammt ich weiß es einfach nicht! Aber eins weiß ich sicher: Auch wenn ich zunächst mit dem Wort Heimat nicht viel anfangen kann, so muss ich vorerst mit einem ähnlichen Gefühl vorlieb nehmen, dem Gefühl, zu Hause zu sein!

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4 Responses to “HEIMATLOSigkeit”
  1. D. Eichhorn D. Eichhorn sagt:

    “Fremd ist der Fremde nur in der Fremde” (Karl Valentin)

  2. Hanna Hanna sagt:

    Ist Heimat nicht nur ein Wort für die Gefühle, die wir nicht fassen können, nach denen wir aber ein ganzes Leben lang suchen?

  3. Se:Lab Se:Lab sagt:

    Ein durchaus SEHR gelungener Text, Sermin!
    Freue mich auf mehr!

  4. Silja Silja sagt:

    Wow, ein sehr, sehr guter Artikel. Gefällt mir extrem gut!!

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