Veröffentlicht von Molly am10. Nov 2009
Generation Wirrsing
„Oh, Himmel“, denke ich mir, „der Tag ist im Arsch“. Ich wache auf und starre an die Decke. Nicht bewegen. Bei jedem zweiten Gedanken muss ich kotzen. Nicht nur weil hier unfassbar müllige Gedanken zusammengesponnen und möglichst schnell vergessen werden, sondern auch, weil sich der ganze Alkohol von gestern zurückmeldet. Ich versuche geräuschlos ins Bad zu fliehen. Er kann ja nichts dafür, dass ich morgens aussehe wie Angela Merkel. Pickel, rote Adern, nachgemalte Augenbrauen, die Nachts ganz passabel, bei Tageslicht doch eher unsouverän wirken. Er kann ja nichts dafür, dass ich ein heuchlerischer Schwächling bin. „Was willst Du denn mit dem?“, war eine Frage, die ich mir gestern Abend nie gestellt habe. „Witze erzählen“, wäre die Antwort gewesen, „einfach nur Witze erzählen!“. Das linke Push-up-Polster meines BHs fehlt. Ich muss zurück ins Zimmer. Zum hundertsten mal könnte ich mich ohrfeigen, das Ding nicht in die vorgesehene Lasche des BHs gestopft zu haben sondern nur zwischen Brust und BH. Meine „Jungs-finden-Uhr“ läuft ab. Aber ich höre sie nicht. Meine Suche nach dem Mann fürs Leben beschränkt sich darauf tolle Männer kennen zulernen und konsequent zu ignorieren sobald sie wirklich toll werden. Wenn mich meine Freunde nach einem zukünftigen Lebensgefährten fragen, posaune ich meistens Floskeln wie „Wenn keiner da ist, ist halt keiner da“ heraus. Was soll man händeringend mit irgendwelchen Dödeln zusammenkommen. Dass es die übliche „Ich muss erst mal mit mir selber klar kommen“-Kacke ist bringt den gesamten Raum zum Gähnen. Die Brigitte-Psychologin weiß: „Du hast Angst jemanden an dich ran zu lassen und verletzt zu werden. Du hast Angst vor Zurückweisung“. Ich muss gähnen. Ferner könnte sie nicht liegen, ich lechze nach Liebeskummer. Ich glaube, dass er Gucci heißt. Die Musik war zu laut. Und die Heimfahrt haben wir mit einem Taxifahrer und dessen Lebensphilosophie verbracht. „Guter Typ“, habe ich mir noch gedacht, bevor ich zu der Korn-Sprite-Mischung griff. Jetzt liegt er neben mir und schläft. Der Sex war, nebenbei gesagt, kein Ahnung. Ich erinnere mich nur noch dunkel. Das war wohl mehr so ein verkorkstes Ding. Jetzt haben wir schon rumgeknutscht, da kann man ja schlecht sagen „jetzt ist aber Schluss”. Man ist ja keine 15 mehr. Ich muss kotzen und denke „Ich bin doch keine 15 mehr, dass man meint mit einem Typen ins Bett steigen zu müssen“. Aber es könnte schlimmer sein. Er sieht schlafend toll aus. Das Zimmer auch. Wir haben uns gut unterhalten und mögen beide Thees Uhlmann. Er wäre am End Heiratsmaterial. Raus hier, ich habe mit einem potenziellen Ehemann geschlafen. Ich werde mich die nächsten zwei Tage hundsmiserabel fühlen, denn ich beweise mir gerade mal wieder selber, dass ich keine Ahnung habe was ich will. An der Tanke hole ich mir Zigaretten und einen Tetra-Pack Eistee. Die EC-Karte funktioniert nicht und ich beschränke mich darauf Zigarettenstummel vom Boden aufzusammeln und aus den Tabakresten eine Zigarette zu drehen. Die Umwelt liegt mir am Herzen. Die S-Bahn fährt mich um 15.32 Uhr nach Hause. Mein mp3-Player läuft nicht. Er ist kaputt. Seit 6 Monaten. Ich weiß, dass wir uns nie wiedersehen werden und versuche mich davon zu überzeugen, dass wir uns nie zufällig über den Weg laufen. Ausstieg rechts. Eine Sms flattert auf mein Handy, die charmant und witzig ist und ebenso beantwortet wird. Die nächsten werden ignoriert. Ich fühle mich furchtbar und plane nur noch mit Vollpfosten ins Bett zu steigen.





Schöööööön
Danke Molly, für diesen Text. Love you.
kommt mir so bekannt vor…