Veröffentlicht von illoyal am5. Okt 2009
Lost Deutschrap Gems Vol. 1: Delta3st – Bis einer weint
Folge eins einer eventuellen Reihe “Verlorengegangene Meisterwerke deutschsprachigen Raps”: Das zwar keinesfalls veraltete, aber hoffnungslos unbeachtet gebliebene “Bis einer weint” von Delta3st. Die Berlin-Neuköllner Urgesteine (sowohl geburtsjahr- als auch rapmäßig) machten in sehr begrenztem Rahmen bereits 1997 auf sich aufmerksam, zu einer Zeit, in der gerade in horrender Qualität das erste Taktlo$$-Tape entstand, Savas gerade zu seinem großen Vorteil damit aufgehört hatte, englisch zu rappen, Bushido vermutlich die elfte bis zwölfte Klasse besuchte und, wenn überhaupt, die Spezializtz den einen ernstzunehmenden Berliner Exportschlager im vom Freundeskreis, Ferris und Fettes Brot geprägten Rapdeutschland darstellten.
Was, neben mangelnder Publicity, bereits auf dem 1997er Tape den absoluten Außenseiterstatus von Delta3st selbst in Berlin begründet, ist der deutlich brachialere Ton, den die drei damals Mittzwanziger anschlagen: Über dreckigste Loops aus Ennio Morricones “Zwei Glorreiche Halunken” Soundtrack und analog eingespieltem Bass pressen die drei MCs Estess, MCNutz und Roter Grobi in Stimmlagen, die unheilvoll im Grenzbereich zwischen Zwangsneurose und überaus festem Stuhlgang angesiedelt sind, großartige Zeilen wie “das Geschwulst zwischen ihren Beinen war mal ne Scheide”, “Lutsch mir die Kacke vom Steiß weg” oder “Ich raff meine Feinde wie die Juden hin”, ins Zehn-Euro-Terratec-Mikrophon hervor.
Diese zynische Grundhaltung zieht sich im angemessen verrumpelten Lo-fi-Vortrag durch dieses erste Tape, bekommt allerdings im Stück “Endstation Neukölln” eine besondere Note, die auf dem Longplayer “Bis einer weint” noch stärker ausgereizt wird: Eine trockene Altherrenstimme liest sarkastisch einen gleichnamigen Spiegelartikel vor, der das Heimatviertel Neukölln zum mafiösen Terrorpflaster hochstilisiert. Es bleibt bereits auf diesem Tape genüsslich unklar, wie denn diese ganze vordergründig sexistische, gewaltverherrlichende, vielleicht sogar rassistische Masse an Text und Vortragsstil zu bewerten ist. Distanzierung? Ironische Brechungen? Fehlanzeige.
Zeitsprung, ins unweite Jahr 2000.
Westberlin Maskulin, also Kool Savas und Taktlo$$, trennen sich nach zwei gemeinsamen Alben und, in Taktlo$$ Falle zahlreichen Tapes und hinterlassen mit dem gesteigerten Augenmerk auf Berlin fruchtbaren Boden für eine Vielzahl MCs aus deren Umfeld: Ob das die heutigen Chartstürmer Bushido, Fler, Sido und B-Tight wären, die Mallorcapropheten Frauenarzt und Manny Marc, “Pornoboss” King Orgasmus (der 2000 bereits in der Produktion seines dritten Albums steckt) oder, in weitaus geringerem Maße, das größere Royal Bunker Umfeld. (noch ohne KIZ) Irgendwo im Schatten dieses weiteren Royal Bunker Umfelds aus unter anderem Hirnpflox, den Cryptonasen, Justus Jonas, Fuat, B-A-Di und weiteren, produzieren auch Delta3st eifrig, aber unauffällig neben den Hauptberufen wie Taxi fahren oder Comics verkaufen neue Musik.
Diese Musik fand ihren Weg auf das Album “Bis einer weint”, das bei Erscheinen auf CD gar einen allzu kurzen Berliner Popularitätsschub auslöste, heute, seit Jahren als Freedownload allerdings fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Völlig zu Unrecht, das macht vielleicht nicht der erste Track klar, aber ganz sicher das gesamte Album.
Den Start macht einer von zahlreichen Skits, die an Obskurität zwar schwer zu übertreffen sind, sich aber gerade deshalb hervorragend den oft noch obskureren Tracks anschmiegen. Der leibhaftige Dietmar Kracht, schwuler Strichjunge im Westberlin der Siebziger und Star aus Rosa von Praunheims “Bettwurst” wird von den Gangstern, die seine Frau entführt haben, angerufen. “Was? Ihr habt misch beobachtet?” Auf dem anschließenden Track wird nahtlos in Ruppigkeit und durchaus holprigen Flows munter im Geiste des ersten Tapes weitergeholzt.
Doch “Bis einer weint” schlägt nicht nur brachiale Töne an (dies jedoch hervorragend bei Tracks wie ‘Jugendarbeit’, einem aufgezeichneten Telefonat mit der Bundeszentrale für politische Bildung, “Wir rotten aus mit Stumpf und mit Stengel”, oder dem wirklich erstaunlichen ‘Psycho’), sondern deckt, sowohl vorgelesen als auch gerappt, eine Spanne der Schattenseiten des Großstadtlebens ab: Ob mit dem türkischsprachigen MOR-Veteranen Fuat zusammen gegen eine bestimmte Sorte jugendlicher Mitbewohner Neuköllns höchst pointiert gewettert (’Stresser’, “Kokosfett im Haar und die Jacke von Cordon”), das Leben in selbigem Bezirk als Aufgabe seiner selbst beklagt (’Neukölln war stärker’), Unverständnis gegenüber dem eigenen libidinösen und sonstigem Verhalten bekundet (’Warum’) oder Weltkriegsnostalgiker, Pädophile, Businessmänner und Brandenburger Technonaziprovinzler in die Pfanne gehauen werden (’Dein Stuhl wackelt’, ‘2000′, ‘Umlandsspasten’): Der Zorn ist ungefiltert, authentisch und gerecht.
Dementsprechend gewöhnungsbedürftig mögen anfangs die eigenwilligen Stimmeinsätze und teils etwas unkoordiniert wirkenden Flows des Trios wirken, was insbesondere gepaart mit den Virtuosen Gris und Meyah Don auf Tracks wie ‘Dein Stuhl wackelt’ oder ‘Umlandsspasten’ diskrepant wirkt.
Doch es bleibt durch und durch Delta3st: Die ruppigen Tracks sind vergleichsweise sanft eingekleidet in Skits, die das Neuköllner Leben aus der Taxiperspektive darstellen:
Rapper Grobi ist seit vielen Jahren und meines Wissens bis heute Taxifahrer und das Leitmotiv der flüchtigen Momentaufnahmen und resignativen, bisweilen bedrohlichen Begegnungen durchzieht die Skits: Die selbe Altherrenstimme, die schon auf dem Debut-Tape zu hören ist, liest sowohl eine hoffnungslos naive Partnerschaftsannonce des typischen Neuköllner Arbeitslosen um die Fünfzig vor, als auch einen von Grobi zufällig im Taxi entdeckten Brief eines Hobbyphilosophen, der im Alleingang das menschliche Leben und Denken erläutert. (”Es gibt nur Energie!”) Musikalisch geschieht auf ‘Bis einer weint’ ein ganz ähnlicher Rundumschlag. Eine breite Samplewahl von Akkordeon über Bassklarinetten, Saxophone, Fender Rhodes zu live eingespielter Gitarre und Bass sowie einem kleinen überraschenden Drum-and-bass-Part und hervorragenden Scratches unter anderem von DJ Zett bietet eine fordernde, aber immer eloquente Grundlage für die textliche und skitliche (!?) Vielfalt auf ‘Bis einer weint’, die das 1997er Debut “Endstation Neukölln” deutlich übersteigt. Gerade in Zeiten von Pauschalverurteilungen Berliner Raps und in Zeiten des aufkommenden Neukölln-Hypes für sogenannte Berlin-Hipster lohnt es sich, den mittlerweile Mittdreißigern von Delta3st Gehör zu schenken: Sie haben über guten Beats immer noch viel Sperriges, Niederschmetterndes und Erstaunliches zu erzählen.
Mehr Infos über Delta3st gibt es auf www.delta3st.de
Dort kann man das Album “Bis einer weint” gratis als .exe -Datei herunterladen.
Reinhören!





.. back in the days … von Berlin war ja wirklich kaum die Rede damals. Danke für den Nachhilfeunterricht. Liest und hört sich gut an!
alte schule .
quali suckt…aber ab und an sind gute flows drin gespickt von ganzwahrheiten.
neukölln war stärker feier ich sehr.wahre worte.
in dem sinne
liebe grüsse
geile beats, rap is nich so mein fall aber passt scho ^^