Veröffentlicht von Molly am27. Sep 2009
Revolution im Kopf
Sich aus dem eigens geschaufelten und mit Leidenschaft zementierten Trauertal herauszumanövrieren und der Welt ins Gesicht zu lachen mag gelegentlich am Ruf kratzen. Selbstreflektiert euch nicht zu Tode! heißt die Devise. Es dreht sich nicht alles nur um Dich und deinen Schmerz. Dein Kaisertum der Erkenntnis, das mit Sicherheit die Welt retten würde, wenn Du nur die Kraft finden würdest dich von der kognitiven auf die Handlungsebene zu begeben. Denken ist toll und schön und schlau und mittelschlau und negativschlau und ziemlich unumgänglich um die eigene Ich-AG zu kapieren und damit nicht Gefahr zu laufen, die anderen Ich-AGs permanent falsch zu verstehen. Aber manchmal ist auch Schluss und es nervt. Vergeistigt euch in euren Türmen, betrauert euch in euren Hirnen, runkelt die Rüben und rettet die Robben – das wäre wenigstens mal was und würde die Eisbären freuen. Die Robben auch.
„Abends im Bett habe Ich mir schon total oft Gedanken über die Welt und die Menschheit und die ganzen schlimmen Sachen gemacht, die so passieren“. Das ist prima, kann man sich aber getrost in den Arsch schieben, wenn es Produkt der Modeerscheinung Weltschmerz ist. Die fünf Euro für ein Patenkind in Afrika zahlst Du trotzdem nicht. Warum auch! Die schlichte Faulheit den Tancode aus dem Ordner zu kramen und in den Rechner zu tippen lässt sich hervorragend wegintellektualisieren. Das Patenkind in Afrika – das fleischgewordene Hassobjekt der postmodernen Pseudo-Revoluzzer, die alle die Welt retten würden, würden nur alle so denken wie Sie. Einen Hacken hat die Sache: Die Welt würde ertrinken in nicht-klinisch depressiven Mono-Welten, die sich das Hirn über die vermeintlich verdummte Menschheit zermatern und dabei sang- und handlungslos den Weg in ihr Grab auf den Stufen der geistigen Erkenntnis erklimmen.
„Der Chef von Greenpeace hatte mal einen „Polo Sport Ralph Lauren“-Pulli in Apfelgrün an“. Heureka! Was ein liederliches Arschgesicht! Damit ist er fein raus, der aufgeklärte Mensch. Die Unterstützung von Greenpeace widerspräche sämtlichen Regeln der besseren Welt. An der Unternehmensspitze ein offensichtlicher Verfechter des kapitalistischen Moloch, erhebt die eigenen Handlungslosigkeit zur einzigst korrekten Handlung. Und die unverschämt freudige Farbauswahl löscht den doch einen oder anderen geglückten Einsatz, die Umwelt vor der Welt zu retten von der Agenda.
“Das Kind ist die Trophäe des reichen westlichen Industriellen, der die Leere seines Lebens mit dem Befüllen des Magens eines afrikanischen Kindes zu füllen sucht”, brüllt es von hinten links. Mag sein, mag aber auch nicht sein. Eine arg viel billigere Ausrede für die eigene Lethargie gibt es auf jeden Fall kaum.
Die Gedanken sind frei. Aber reduziert sich diese Freiheit auf das eigene Ego erzeugt es keinesfalls die vermeintlich jauchzende Selbsterkenntnis sondern eine Egozentrik, die jegliche Tat im Gedanken erstickt. Konsequenterweise führt das zur Reflexion der Selbstreflexion – Und erweitert die Wendeltreppe des Elfenbeinturms um weitere 397 Stockwerke. Um nun nicht Gefahr zu laufen, zur völligen Vergeistigung aufzurufen, möge die Schwammigkeit bei Etage 13 mal kurz ihr Maul halten und konkret werden:
Ich kaufe mir jetzt ein Patenkind.
Und wer süffisant lächelnd und Kopf schüttelnd das doof findet und sich fragt, warum man sich nicht erst mal den Problemen vor Ort widme, der möge mit Freuden diese in Angriff nehmen oder – wenn auch kaum erstrebenswert so zumindest ohne direkten Brechreiz auszulösen – bitte schön aufhören darüber nachzudenken und sich gut dabei fühlen. Bzw. schlecht mit dem gleichzeitigen Gefühl der eigenen Erhabenheit über die unreflektierte Masse an Schafen, deren geistige Gesundheit und Frohnatur allein schon Beweis ihrer bei weitem geringeren Weitsicht ist. Wenn der Zeitgeist und die soziale Nachbarschaft es wünscht, so wird der Weltschmerz kurzum zum persönlichen Kreuz gezimmert und die eigene Existenz zur allseits verkannten Antenne der Problematiken der Weltpolitik erhoben. „Wenn die anderen nur wüssten, worüber ich schon alles nachgedacht habe!“, dachte es und wedelte mit dem Schwanz um einen weiteren Knochen zu bekommen. Die ausschließliche Revolution im Kopf ist die mit Abstand ekelhafteste Form der Selbstreflexion und erheblich dümmer, als einfach über Kartoffelsalat nachzudenken. Es sei denn man heißt Bas Kast, ist Wissenschaftsjournalist und hat ein Buch über Hirnforschung geschrieben, das Revolution im Kopf heißt und inhaltlich nichts mit dem Gemaule dieses Textes zu tun hat, wohl aber ohne Rückzieher als gute Sache bezeichnet werden kann und bei genauer Überlegung doch noch den inhaltlichen Kreis schließt, indem es die Entdeckung der Spiegelzellen beschreibt, die durchaus nützlich sein könnten. Drei, drei, drei – bei Issos Keilerei. Sieben, fünf, drei – Rom schlüpft aus dem Ei. Ein paar Spiegelzellen mehr und Rom wäre vielleicht als alleiniger Kinderreim in die Geschichtsbücher eingezotet.





Genialer Text! Endlich mal jemand der kein Blatt vor den Mund nimmt und es schafft dass wir uns nich mehr mit schlechten Ausreden davonstehlen können.:)
“So tell me when you think we’re gonna rise?
Wake from this slumber wipe the tears from our eyes?
Yes from this nightmare yes I must now wake, open my fist my destiny I take!
Good people sick and tired of being pushed around, we call them kings but I see no crown.
Tell me when you think we’ll just stand up?
Say enough is enough is enough, enough,enough!”
Sehr guter Text Molly. Aber Achtung: Begriff.
Kaufen = Erwerben. Etwas besitzen. Einen Menschen besitzen? Geht nicht!
Ein Patenkind sowieso nicht. Egal wo es lebt.