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Da geht´s polisch zu

Da geht´s polisch zu

Ich war im Spätfrühling 2003 mit zwei Freunden in Tschechien, Polen und Litauen und schrieb in den folgenden Monaten darüber. Einiges ist stilistisch furchtbar und ich schäme mich dafür, aber manches mag ich auch jetzt noch.
Da der Text sehr lang ist, habe ich ihn mal geteilt, der zweite Teil kommt nächste Woche.
Und ungefähr 3% sind erfunden und 7% Insider, aber ursprünglich schrub ich es auch nur für die zwei.

Der Titel ist übrigens ein Zitat von Js Oma, die bei chaotischen Zuständen oft meinte, da würde es “polisch” zugehen. Ein Dokument der deutschen Sicht auf “den Osten”, man lese hierzu beispielsweise “Kriegsland im Osten: Eroberung, Kolonialisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg” von Vejas Gabriel Liulevicius.

Doa goads polisch zua Sommer 2003-06.03.2005

Im Grunde begann alles mit der fixen Idee einer Rückführung polischer Zustände zurück ins Land des Ursprungs. Dass die Masuren wegfielen, Prag hinzufiel und Vilnius beinahe gleichwertig prägend wurde, konnte keine Sauerrahm, äh Sau erahnen.
Die Geschichte beginnt nicht, sie fängt einfach an:
Am Donnerstag, den 29. Mai 2003 holte mich Herr L. Z. (Datenschutz – Die Redaktion), der Wirbelwind, ab. Im Gepäck hatte er schon die zwei Lausbuben schlechthin: Dance-Jance und Jay You Leean. Ich stieg mit Freuden ein und gab dem freundlichen Fahrer in Baggene als Entgelt ein Stück köstlichstes Brot Häußerscher Produktion. Noch Jahre später wurde von Annalena die Zeit mit dem guten Brot als goldene Phase der Ernährung immer wieder gern in Spitzenerinnerung gerufen. Endlich kein Kohlenklau mehr. Deutsches Brot!
In der S-Bahn wurden wir prompt kontrolliert, was mir jetzt immer wieder schmerzhaft die Verpflichtung zur Einhaltung des Solidarpaktes inklusive der rigiden Sparvorgaben ins Gedächtnis ruft, da ich meinen Pass Orange nicht dabei hatte. In Stuttgart leisteten wir uns zur Reiselektüre die Zeit, sich selbst in gedruckter Form zu kaufen. Außerdem noch die SZ. Die ersten Minuten der Fahrt gehen schnell vorbei und ehe man sich versieht, sitzt man schon eine Viertelstunde im Waggong. Die Zeit rast, man wird älter und schlussendlich kommen wir um viele Erfahrungen reicher in Nürnberg an. Dort geht es sofort in den Zug ins Tschechenland. Der ist überraschenderweise brechend voll.
Wir finden aber keinen Platz. Nach unendlichem Warten gelingt es uns aber dann doch zu platzen. Wir setzen uns an den Viererplatz in Gesellschaft eines jüngeren, sympathisch aussehenden Herrn. Diesen machen wir geschickt auf uns aufmerksam, indem wir, beziehungsweise wahrscheinlich hauptsächlich ich, durch unkontrolliertes, unsanktioniertes Gedachziegle in gehobener Lautstärke sein Interesse auf uns lenken. Will sagen, ich habe geschrieen, dass der Zug beinahe entgleiste und der bayerische Verfassungsschutz unsere Reise beobachtete.
Ok, das ist übertrieben, so war es nicht, aber man konnte das vor allem im Hinblick auf später passierende Happenings schon glauben. Jens hat auf jeden Fall irgendwann ein Gespräch mit Felix angefangen. So hieß der Glückliche nämlich im alten Rom. Hä? In der weiteren Konversation ließ sich seinem verschmitzten Munde die Information entlocken, dass es ihn schon diverseste Mal nach Osten verschlagen. Nicht um Lebensraum zu suchen, wie man das annehmen könnte, entstammt er doch ebenso wie wir dem Deutschen, nein, er findet es da nur voll gut und billig oder gut weil billig oder was weiß ich.
In Prag angekommen, überzeugte Felix durch vorteilhafte Feldübersicht und geleitete uns unter dem Sperrfeuer der tschechischen Partisanen sicher zum Schalter. Dort wurden wir von unzähligen, billig BILLIG BILLIG!!!en Übernachtungsmöglichkeiten anbietenden Zwielichtigkeiten davon abgehalten, das Gebäude schnell zu verlassen. Felix kaufte sich ein Ticket fürs Zigeunerfestival, das er besuchen wollte und wir flackten uns in die sehr südlich anmutende Hitze der Wiese vor dem Bahnhof. Nach Verspeisung eines chinesischen Schnellgerichts, das mir bis heute den Appetit auf eben solches Essen verdorben hat, versuchten wir uns unbeholfen mit der leider nur noch rudimentär vorhandenen Sichtüberlegenheit Felixï zu einem Campingplatz durchzuschlagen.
Das dauerte Stunden, aber irgendwann erreichten wir unser Ziel. Prag mag ja schön sein, schien sich aber zumindest mir gegenüber diese Schönheit fürs Erste für besseren Besuch aufsparen zu wollen. Aber alles cool, kein Stress.
Am Ende erreichten wir also unseren Campingplatz, ein kleines, sympathisches Teil. Wir bauten unser Zelt neben zwei Ostmenschen auf, deutsche Menschen, die mit dem Fahrrad hier ankamen. Nebener uns noch eine noch deutschere Gruppe, die nachher noch eine spannende Rolle spielt. Felix ging zum Festival, wir duschten und machten uns auch erstmal auf in die Stadt. Dort erwiesen sich die Ortskenntnisse des mit dem Gelände durch frühere Einsätze im Kampf gegen den internationalen Terrorismus vertrauten Leutnants Buchner als nicht angemessen.
Er wurde unehrenenhaft entlassen, zum Rekrut degradiert und obendrein zur Verspottung standesrechtlich in Rekrut Suchner umbenannt. Das war ein harter Schlag für diesen trotz aller Schwierigkeiten dem Militär doch immer verbundenen, loyalen Soldaten. “Die Fraktion äh die Truppe ist doch meine Familie!” klagte er sein Leid, kam aber dann im Endeffekt doch vergleichsweise gut darüber weg.
Es gelang uns dann zum Wenzelsplatz zu gelangen, von wo aus wir herumgurkten. Leider hatten die Bars zu bzw. schlossen schon um 23 Uhr. Dann gingen wir halt zum kapitalistischen Westenfraß. Jens kam später heraus, in der Zeit vergnügten sich Julian und ich beim Beobachtung einer Emporsteigung einer Maschine aus der Straße.
Nach dem kurzen Ausflug in die Innenstadt ließen wir uns vom Schicksal wieder zurück zum Busbahnhof treiben, wo wir uns den Arsch abwarteten. Da es der letzte Bus war, konnten wir auch Felix wieder antreffen. Wieder am Campingplatz weckten uns bzw. mich jedenfalls nach ca. dreißig Minuten, nee ich hatte noch nicht mal geschlafen, als die Deutschen kamen. Blonde, nationalistische Ostdeutsche maßten sich an, mir und Julian den Schlaf zu rauben.
Der in der Hinsicht recht genügsame Jens verbrachte eine vergleichsweise ruhige Nacht, übte er sich doch in Langmut. Ich hingegen stieß üble Verwünschungen und Drohungen aus, die jedoch alle nichts halfen, was mich zu dem drastischen Schritt veranlasste, sie alle eigenhändig zu erwürgen. Sie saßen da nichtsahnend im Kreise ihrer ca. zehn oder mehr Gefährten. Nachher lagen sie nur noch mit starren Augen. Ich ließ sie zur Warnung für andere Ruhestörer dort liegen.
Um acht Uhr ging es dann weiter mit aufstehen. Jens war fleißigerweise schon früh aufgestanden um in der Stadt nach Essen zu fahnden. Trotz modernster Polizeitechnik muss man die Ausbeute jedoch als mager bezeichnen, die Tschechenstadt bietet nicht die ideale Infrastruktur, um sich zu ernähren.
Jens und (noch) Julian bauten unser Zelt ab, in der Stadt gaben wir unser Gepäck ab. Danach werden die Dokumente unzuverlässig ungenau und verwaschen, so dass ich nicht mehr sicher über die Reihenfolge der Ereignisse sein kann. Auf jeden Fall fanden wir ein Restaurant, das uns für rel. wenig Geld satt werden ließ, auch wenn es nicht so hammers schmeckte. Ach ja Spackhetti und Pizza, die auf der Straße sitzend einverleibt wurde.
Meiner Meinung nach waren wir in Prag auch in einem Discounter und kauften Alkohol ein. Die Verkäufer bzw.der putinmäßige Sicherheitsmann waren sehr zuvorkommend und berieten uns ob der Kombination der Spirituosen mit Worscht und Ähnlichem. Ich denke, dass ich mir auf seine Anregung hin einen sogenannten “Russenlesbenkäse” leistete, der nachher noch eine entscheidende Rolle spielen sollte…
Nun ging es zum Bahnhof, wo wir beinahe unseren Zug verpeilten. Auf dem Bahnsteig herumdümpelnd fiel uns erst in letzter Sekunde auf, dass der Zug, den wir eigentlich besteigen sollten, im Begriff war, die Schotten dicht zu machen und loszuheizen. Es dauerte ein paar Minuten, bis wir einen Sitzplatz hatten, ging aber dann, wenn es auch ein ca. dreißig Terrameter großer Lonsdale-Glatzkopf mit finsterem Blick war, der uns Gesellschaft dienstleistete.
Als Julian ihm Bier ins Gesicht spritzte, schien ihn das nicht sonderlich zu beeindrucken, er starrte weiter stoisch aus dem Fenster.


Auf dieser denkwürdigen Fahrt brach der Krieg vom Zaum, der erst vor kurzem, nach etwas mehr als einem halben Jahr, wieder durch einen Friedensvertrag beendet wurde. Man schlug und tötete sich um den Russenlesbenkäse bzw. um den Platz auf der Sitzfläche
Auf Seiten der sich dem Alkohol hingebenden Jungs mit der 2/3-Mehrheit wurde fleißig gesoffen, was zur Folge hatte, dass unsere Ankunft in Wroclaw recht verplant war. Es dauerte ein wenig, bis wir uns halbwegs orientiert hatten, um dann mit unseren im Durchschnitt 23 Kilo wiegenden Hau-Ruck- und Hodensäcken erst einmal ca. drei Kilometer (echte) durch die planwirtschaftlich geprägten Ostblock rumlaufen mussten, bis die anderen mir glaubten, dass wir uns nicht ganz nach Plan dem Campingplatz näherten.
Und jetzt kommt die unglaubliche Begebenheit, die mir das durch die MEDIEN vermittelte Bild vom dreckigen Polen doch erheblich versaute. Ein mit voller Wucht in den Fünfzigern stehender Umweltschutzprofessor war so freundlich, uns nicht nur den Weg zum gesuchten Campingplatz zu erklären, sondern uns gleich mit seinem Kärrele hinzufahren. Wir waren vollständig überrascht von solch überwältigender Freundlichkeit, was aber zu nichts führte. Am Campingplatz angekommen, bedankten wir uns freundlich und glücklich bei dem Fahrer, schenkten ihm unser ganzes LSD und meldeten uns an. Es war mittlerweile schon recht spät, wenn ich mich recht entsinne, schlug kurz nach unserer Ankunft die Uhr schon die Glocke zu Brei, um uns zu sagen, dass Mitternacht ist. Furchtbares Geschrei erfüllte die Nacht für kurze Augenblicke.
Der ganze Campingplatz war auch für Ostverhältnisse überwuchert mit Gras, man konnte kaum eine asphaltierte Stelle finden, was jedoch auch einen guten Teil des wilden, urtümlich rückständigen aber erdigen Charmes ausmachte. Er lag an einem träge fließenden Gewässer, dass man unter Nichtbeachtung der diversen Schwermetalle und Seifenrückstände auch annähernd als einen Fluss bezeichnen konnte. Wir konnten uns irgendwie nicht dazu durchringen, ihn zu bespringen/betreten.
Nachdem Jens das Zelt aufgebaut hatte, gingen Julian und Jens noch ans Ufer. Da ich Hunger hatte und mir noch etwas auf unserem unfassbaren Gaskocher kochte, kam ich später.

Wir schimmelten noch etwas vor uns hin auf dem Steak, das die Konsistenz von Holz hatte, so zäh war es. Danach schauten wir noch überdenzaungekletterthabend bei der Party bzw. dem Feuer vorbei, da sich die Party kurz vor unserer Ankunft aufgelöst hatte. Komischerweise war nur ein weiteres Zelt auf dem C.Pl. Woher die Polen diese ganzen Menschen herhatten, blieb mir jedenfalls ein Rätsel.
Dann pennen. Am 31. 5., welcher der nächste Morgen mit nie dagewesener Sicherheit war, standen wir, von der Hitze getrieben, auf. Wir suchten uns nach dem obligatorischen Gang in die Stadt einen Bus, der uns in die Stadt fahren konnte.
Leider verfügte dieses Wroclaw got to do with it nicht über Busse. Die waren alle in den Händen der Russenmafia. Wir nahmen zum Ausgleich die Tram, die ihren Job eigentlich auch ganz gut erledigte und billig war. Am Dworschetz Glowny angelangt, gaben wir unser Gepäck ab und machten uns nach einigem Hin und Her über im-Pulk-oder-allein-gehen gemeinsam auf die Suche nach einer Bank. Die Sonne ballerte gnadenlos ihre Killerstrahlen auf uns nieder und ließ uns glauben, wir wären im Arsch eines gerösteten Huhns, das, den sterbenden Schwan schlecht imitierend, über dem Höllenfeuer der Eitelkeiten, einem Feuerzeug tschetschenischer Produktion, das ein findiger Südkoreaner mit externen Tankvorrichtungen getuned hat, auf dass es 800000ø C erreicht, dem Tod zu entrinnen versucht.
Die offene Bank ließ sich Zeit, uns über den Weg zu laufen, alle Kollegen, die wir trafen, beriefen sich auf bestehende Verträge, die ein Öffnen am Samstag untersagten. Zwar gewährte uns das Holiday Inn die Möglichkeit unser Geld umzutauschen, nur riet uns sogar der Angestellte davon ab, dies wegen des unbeschreiblich schlechten Holiday-Inn-Kurses zu tun.
Dieses Hotel war offensichtlich nur dazu da, Geld in großem Stil zu waschen. Da das Waschmittel aber so aggressiv vorging, wurde der Großteil dabei vernichtet, so dass eine Rentabilität ausgeschlossen werden konnte. Wir sahen uns genötigt, weiter zu hetzen, da in der Zwischenzeit die vorletzte sinnvolle zugige Anschlussmöglichkeit immer näher gerückt war. So suchten wir dann und fanden nach weiterem Vordringen in die schöne Altstadt endlich eine Scheißbank. Drinnen Geld her und Schüss. Ich geh nie mehr mit den Drecksschecks wecks äh weg.
Jens war schon vorgegangen, Saufen kaufen. Julian macht ein Bild von mir vor dieser Katholenpolenkirche.

Jens treffen, Drogeriemarkt. Wir marschierten stramm Richtung Gleise und standen dann erstmal eine geraume Zeit an, um unseren Polrailpass zu bekommen. Am Ende der Schlange wollte uns der Alkoholikerpole von Bahnbeamter weismachen, dass wir unser verficktes Dreckspolrailticket nicht am Wochenende kaufen könnten. Als wir ihm klarmachten, dass ich gut schreiben kann und gleich das “-ende” vom Wochenende an sein Leben hängen würde (plus “s” dazwischen), wenn er nicht gleich zack zack dalli dalli machen würde, ist er vor Schreck grün und blau und rot geworden und hat uns endlich mit Hilfe einer weitaus weniger alkoholisierten Kollegin (sie hatte augenscheinlich Kokain genommen, und zwar nicht zu knapp) zu unserem Ticket verholfen.
Aus Zeitungsberichten konnte ich vor kurzem entnehmen, dass er sich nach dem Schreck nicht mehr zurückgefärbt hat und seit diesem Vorfall ein buntes Schachbrettgesicht trägt, was ihn aber nur noch mehr in den verdienten Alkoholsumpf stößt. Uns nicht bedienen wollen, was fällt dem ein! Wir ham dem sein Land in die EU geholt, der Wichser!
Nach einem Sprint auf den Zug nach Krakow setzten wir uns erst mal in ein Abteil, das freundlicherweise bis auf eine Polin leer war. Sie hieß Kata und lud uns nach einem Gespräch zu sich nach Warszawa ein, wo sie in ein paar Tagen eine Ausstellung eröffnen würde. Da sie von ihrem Freund erzählte, der sehr abstrakte Musik mache, gab ich ihr mein Tape mit der Bitte, mir zu schreiben, wie sie es fände. Das war natürlich das Dümmste, was ich machen konnte, wie bei allen anderen Tapes habe ich nie wieder was vom Empfänger gehört.
Nachdem sie ausgestiegen war, gaben wir uns in fliegendem Wechsel folgenden Beschäftigungen hin: Pennen, schlägern, koffern. Das war toll und gab unserer Reise die würzige Note. Unglaublich, wie spaltend die Frage, wer den Russenlesenbenkäse holen muss und wer für andere Dinge auf dem Gepäcknetz verantwortlich ist, sein kann. Auch territoriale Ansprüche auf der Sitzbankebene wurden aggressiv angegangen. Ein weiterer Meilenstein in Sachen “Guter Witz” gelang Jens, als er sich erleichtert freute, “morgen kein Zelt aufbauen” zu müssen. Wir beglückwünschten ihn enthusiastisch. Zug fahren ist gut, wenn die Landschaft schön ist. Das war gegeben, rausglotzen ist julianisch.

Ich musste mich den Pollen geschlagen geben, mit Außenluft ging nicht so viel. Weitere Dinge, die passiert sind, kann ich erst nach Rücksprache mit den JJïs einfügen, da sie sich meinem Gedächtnis und den Notizen entziehen.
Irgendwann gegen Abend kamen wir dann in Krakow an. Es war sehr schönes Wetter, die Stadt mutet äußerst südlich an. In der Unterführung gab es diverse Stände, die hauptsächlich mit Sekundärliteratur zu Tertiärweltanschauungen über Quartiärprobleme Polenhandel machten. Sofort nach der Ankunft brach Jens auf, die Suche nach einer Informationsstelle, welche uns über die Übernachtungsmöglichkeiten hätte aufklären sollen, zu beginnen. War aber irgendwie nichts. Nach gefühlten zwei Stunden endloser Warterei auf Jens, machte sich auch Julian auf die Suche nach dem schon verloren geglaubten Forscher. Vorher verspossen wir noch ein Eis mit der Konsistenz von Magen-Darm-Grippe-Nebenprodukten, das sich aber trotzdem ganz gut im Mund machte.
In diesem vermaledeiten Ort konnte uns keiner helfen, wir mussten, mal wieder auf uns allein gestellt, den Widrigkeiten des großen, weiten Lebens trotzen, kein Bus, kein Glück und auch sonst keine Perspektive. Doch unser deutscher Erfindergeist kam uns mehr als zupass: Ein Taxi musste her! Mit dem großzügigen Geldbeutel ausgestattet, der uns Westler in den unterentwickelten Ostgebieten immer so beliebt macht, konnten wir uns dann dieses auch easy leisten. War ehrlich gesagt auch billig billig. Hennings (?) Interrailbuch vom Jahre 2001 führte uns, bzw. wir den Taxifahrer, das Taxi, unsere Klamotten mitsamt den sich darin befindenden “Wir” und unser Gepäck an einen mysteriösen Ort in den vermeintlichen Randgebieten der Stadt. Wir zahlten mit einem überlegenen Lachen, stiegen aus und wunderten uns zu Recht über die beinahe schon auffällige Unauffälligkeit des angestrebten Campingplatzes.
Eine schwachbrüstige Wirtschaft und polnische Arbeitseinstellung hatten ihn offensichtlich in den Ruin getrieben, so dass von dem vormals wahrscheinlich rustikalen Charme der Anlage nur noch gar nichts mehr übrig blieb. Anhand der Baumanordnung auf der ungemähten Wiese ließ sich mit logischem Denken noch erkennen, dass hier wohl bis mindestens 2001 ein Campingplatz stattgefunden hatte. Naja, sowas kommt halt vor, wenn die Leute nicht genug Geld haben. Wir waren trotzdem gut gelaunt und freuten uns, endlich auch etwas Spannendes erlebt zu haben. Mann, wenn wir das daheim unseren Freunden im Bausparverein erzählen! Die werden staunen, was für abenteuerliche Dinge direkt vor unserer Haustür, nur ein Katzensprung Richtung Russe, passieren.

Mit frohem Gemüt und nüchternem Neopragmatismus machten wir uns an die Aufgabe, dieses Problem zu lösen. Ein freundlicher Eingeborener verhalf uns zu einer neuen Bushaltestelle, von der aus wir mit Hilfe eines ausgeklügelten Umsteigesystems schlussendlich an einem anderen Campingplatz ankommen sollten! An der Buhaste. angelangt, merkte ich die Scheiße an meinem Arm. Das wäre an sich nicht die Erwähnung wert, ist aber eigentlich doch ganz witzig, wann hat man schon einfach so Scheiße am Arm, zumal am linken, wo man doch Rechtshänder ist.
Wir kickten noch ein bisschen mit Julians Deutsch-Polisch-Wörterbuch, welches sich auch bereitwillig dazu eignete. Zwischendurch fuhr ein regelrechtes Geschwader von Armeefahrzeugen, Wasserwerfern und anderen wüsten Geräten vorbei. Wir dachten uns nichts dabei, hört man aus diesen unsteten Ländern doch immer wieder von Putschen, gewaltsamen Kabinettsumbildungen und ähnlichem.
Nach diesem beeindruckenden Beweis der militärischen Schlagkraft Krakows stiegen wir ein. Beim Umsteigen fingen wir uns zwei polische Kletten ein, die uns in jugendlichem Überschwang (Krakow war gerade polnischer Fußballmeister geworden) und relativ besoffen immerhin zum Campingplatz brachten. Ihre Hoffnungen, es habe sich unsererseits nicht bloß um einen One-Night-Stand gehandelt, konnten wir leider nicht erfüllen, vor allem, weil sie penetrant waren.
Dann Jens Zelt, ich kochen, fressen, Kletten voll abwimmeln. Wir nahmen uns den Luxus, ein schön billiges Taxi zu nehmen um in die hammers Innenstadt zu gelangen.
Nach ca. zehn Minuten frugen wir zwei Mädels nach wohinsaufen. Sie geleiteten uns auch prompt zu einem Kellergewölbepub mit ganz ansprechender Musik. Es waren einige sehr aufgeschlossene Polen am Start, war wirklich unterhaltsam, dancen war auch schön. Als wir uns um halb drei auf den Rückweg machten und das Loch verließen, ging auf den Straßen immer noch der Punk ab, als wär es kurz nach Neun. Die Leute waren nur noch ein wenig rattendichter.
Am nächsten Morgen wiwaweckte uns die nachbarliche Motorradgang. Es nieselte leicht, war aber immer noch gut warm. Zum Aufwachen gratis gabs ein wenig Vogelhochzeit-Gesang, wobei sich aber auch nur Julian und ich als wirklich motivierte Aktivisten erwiesen. Jens und der Duettpartner in Person schlichen sich heimlich zum Duschen, ich hatte dies schon nachts erledigt.
Dann gings mit dem Bus ins Zentrum. Man fühlte sich sehr südlich, ein relaxtes Flair.
Wir genehmigten uns irgendeine polnische Speise in einem Straßenrestaurant. Interessant hierbei waren die Amis, die mal wieder den Vogel abschossen. Haben sich doch allen Ernstes mit ihrem Zeug vom Mc an die Tische gesetzt, ohne etwas zu bestellen. Ich fands innovativ und habe es gleich fotografiert.

Wir standen auf und sockten ab! Auf der Rechten eine hübsche Wand, über zwanzig Meter lang, vier bis fünf Meter hoch und komplett voller Gemälde, sah gut aus, SCHÖN!
Anschließend ging es uns wie der Luft, wir ließen uns zwei Stunden treiben, schauten uns das jüdische Viertel an, aßen ein Eis und hörten “Perfect day” aus einem coolen Laden. JJ kauften sich Bier, wir setzten uns auf den fetten Marktplatz und freuten uns unseres Lebens. Ein wenig später zog es uns zu den Propaganda-Ständen der EU-Befürworter. Wir deckten uns mit freshen EU-Kappen, Aufklebern und Fahnen ein.
Dermaßen ideologisch vorbelastet fiel es Julian und mir nicht schwer, nach einiger Suche in einem Tourishop die T-Shirts zum Bush-Besuch des vorherigen Tages zu erstehen. Wie uns die Campingfrau erzählt hatte, waren daher auch die ganzen aggressiven Fahrzeuge unterwegs gewesen. Müssen gute Krawalle gewesen sein oder die Polen habens nicht so gern mit Demonstrationen.
Wir bauten anschließend auch gleich unglaubliche Scheiße mit den T-Shirts und lachten uns die Mandeln raus, wurden freundlicherweise von aufmerksamen Passanten ob unseres hassenswerten Aufdrucks angepöbelt, wie es sich für mündige Demokraten aber auch gehört.

Wieder an der Statue im Zentralmassiv des Marktplatzes gefielen wir uns beim Beschauen von Krakauer Breakern. Eine Oma schaute ebenfalls zu und wir wurden in unglaubliche Diskussionen verwickelt, Julian war da engagierter, ich weiß nicht mehr genau, um was es ging. Ich weiß bloß, dass es krass war und irgendwas mit dem Dritten Reich zu tun hatte [Anmerkung ´09: Sie sprach uns das Recht ab, unsere Bush-T-Shirts nicht ernst zu meinen, weil damals Blitzkrieg].
Wir traten daraufhin die Flucht ins Internet an, wo JJ sich mit einem Amerikaner unterhielten. Danach ein wenig Saufen im Café‚ und wieder auf den Marktplatz, wir suchten Pizza und Gras, wurden aber nicht fündig. Nur eine polnische Schülergruppe, die sehr aufgedreht war, unbedingt Fotos mit uns machen wollte und das dann auch krass durchzog und dann schnell von ihren Lehrern gecasht wurde.
Zum Ausgleich trafen wir ein paar Mädels aus Osnabrück, die auf Klassenfahrt waren. Leider war eine Chefin dabei, die so eklig wortführermäßig immer das Gespräch an sich riss, so dass die armen schüchternen Anderen gar keine Chance hatten, etwas zu erzählen. Wir schlugen vor, das einzige uns bekannte Etablissement heim zu suchen, das aber leider geschlossen war.
Also entschlossen wir uns, zu ihnen zum Hotel zu gehen, vorher noch ein wenig Saufenkaufen. Wurde dann doch kürzer, weil sie abklemmten. Wir hatten es vielleicht aber auch übertrieben mit schwäbischen Slangbegriffen und seltsamen Verhaltensweisen. Naja.
Auf dem Rückweg gab es eine interessante Diskussion über Humor, die Aufzeichnungen erzählen mir etwas von Ameisen, ich kann das aber beim besten Willen nicht mehr einordnen [Anmerkung 09: Jens regte sich auf, dass wir ständig mit Fremdwörtern um uns warfen und Julian antwortete: "Jetzt sei doch nicht so konfrontativ!"]. Taxi, yeah.
800 aufstehen, Hitze, abbauen, einkaufen, Hälfte vergessen, Brot noch am Bahnhof gekauft und ab in Zug. Wir standen zweieinhalb Stunden und wollten uns schon vorne vor den Zug werfen, es gab dann aber doch ein wenig Platz in einem engen Abteil. Wir genossen die schöne Landschaft, glotzten naus, schliefen und hungerten (was mich angeht). Abends erreichten wir die Küste bei Gdansk (Danzig), den Ort Gdynia, von dem aus wir uns eigentlich ein Ticket to Hel leisten wollten, der Halbinsel, auf welcher wir zu übernachten gedachten, was wir dann doch nicht machten, ja ok ich lass es.
Die Bahnhofsbediensteten waren nicht so hilfreich, da sie nur Polnisch sprachen. Es konnte uns also keiner sagen, wie wir zur Fähre kamen. Gerade als wir uns schon ins Verderben stürzen wollten, trafen wir die Hilfe in Form von Robert, der uns abriet, durch das Viertel zu gehen, das wir angesteuert hatten, weil wir da nicht mehr inklusive Uhr, Geld, Klamotten und transplantierbaren Organen herausgekommen wären. Dankbarerweise geleitete er uns dann auch gleich zur Fähre. Die Kommunikation erleichterte es, dass er eigentlich perfektes Deutsch sprach und sich noch dazu sehr gut mit deutschem HipHop auskannte. Sehr gut! Einziger Minuspunkt war sein Rat am Ende unserer Begegnung. Wir kamen am Meer an, sahen, dass die Fähre teuer war, dass es recht spät war etc.
Jedenfalls wollten wir nicht mehr auf Hel. Robert empfahl uns, am Strand entlang Richtung Gdansk zu laufen. Nach ca. einer halben Stunde würde uns der Campingplatz von alleine entgegen kommen. Das war leider eine falsche Sicht der Verhältnisse, wir brauchten mit unseren verfickten Taschen zwei Stunden Netto-Laufzeit. Zwischendurch mussten wir eine Pause einlegen, die aber sehr gut daran tat, gut zu tun. Der Strand mutete wirklich tropisch an, bis auf die Temperaturen, die sich um die 20 Grad bewegten, sah alles sehr nach Südseeinsel aus. Wirklich sehr, die Palmen hingen waagrecht, einheimische Schönheiten bewarfen uns mit Kokosnüssen äh tanzten nackt um uns herum.

Die Krönung war jedoch viel eher, dass nach dem Marsch irgendwann auf der rechten Seite wieder die Zivilisation begann. Eine Straße! Ein Haus! Leider kannten wir uns nicht aus und konnten daher die Gesamtsituation nicht einordnen. Um geografische Hilfestellung bittend sprachen wir einen dieser Polen an, von denen wir schon so viel gehört hatten. Freundlicherweise verstand er uns. Und: Er war krass, er fuhr uns einfach zum Campingplatz! Was geht eigentlich mit denen ab, müssen die nie arbeiten, die faulen Säcke!?! Dass die immer Zeit haben für sowas, ich kann nur mit dem Kopf schütteln.
Vor allem fuhr er sogar zwei Mal, weil nicht genug Platz war. Jens erkundete das Gebiet vorher, ch-checkte alles aus und empfing uns schon freudestrahlend. Dicker Shit, wir bedankten uns und zwanzig Minuten nach unserer Ankunft sah es um das Zelt schon aus wie Sau. Erfreut ob dieser Pedanterie bzgl. Sauereimachen befraßen wir uns noch zünftig, bevor es uns an den Strand zog, das Meer, die Unendlichkeit…
Wir sammelten tight Feuerholz ein und entfachten, bauten Skulpturen aus den Stöcken, die uns als flammende Wächter in Erinnerung bleiben werden.
Dann schlafen bis um 8:30 Uhr und pissen im Akkord. In der Hitze um 11 war es wirklich eklig klebrig, doch zumindest Julian und ich gammelten noch fröhlich weiter. Dann sagen mir die Aufzeichnungen Dinge, die ich nicht verstehe, vielleicht könnt ihr was damit anfangen: “Mensch sagt: Strand da lang” Hmm…
JJ springen dann also am Strand ins wahrlich brackige, ölige, aufgeschäumte und obendrein noch arschkalte Wasser. Nach diesem kurzen Intermezzo verschlägt es uns in den Sand. In irgendeinem Buch oder auf einem Faltplan suchen wir nach Kultur und Julian sagt Sätze, die für immer während in Granit gemeißelt dastehen und abgehen wie heliumgefüllter Fisch im Backofen. Beispielscheiße: “Kultur isch au abends weggehen und was Bier koschded.”
Wir vergnügten uns mit den Tieren, eine arme Ameise schaffte es in einer Stunde nicht, den Krater zu erklimmen, den wir ihr bauten. Das war toll. Nach ein paar Handständen im Wind, sockten wir ab in Richtung Zelt, kochten, doschen uns und bestiegen den Zug in Richtung Gdansk. Die Line war hübsch bemalt und verkürzte die Fahrweile. In Gdansk angelangt schlugen wir uns zur Altstadt durch, die doch sehr schön ist. Die hammers Marienkirche, Mahlke ragt hundert Kilometer in die Höhe.

Leider war sie geschlossen, so dass uns nur der Genuss des Dlumelumlaufens vergönnt war. Macht aber scho ebbes her, näch?
Nach Visitierung eines kleinen Ladens, in dem sich die notorischen Säufer mit Bier bis obenhin zudeckten, verpisste ich mich in das Internetcafé, die anderen zwei vergnügten sich derweil außerhalb. Ich antwortete dem Philipp, der gerade daheim fleißigst an der Abizeitung werkelte, auf die Steckbriefanfrage und anschließend EIERten wir noch ein wenig unter dem schönen Himmelsdach herum. Fragten ein paar nette Studentinnen, obs denn vielleicht a weng Bobbl hätt.
Sie verwiesen uns freundlich an die örtliche Mafianiederlassung am Ende der Straße. Auf Nachfrage garantierten sie uns die polische Qualität dieser Vereinigung, da wir kenntnislos davon ausgingen, dass das Russen sein mussten. Wir hatten aber gerade zwei Stunden unsere ganzen Kokainvorräte an die darbende Bevölkerung verteilt, was diesen freundlichen Genossen doch irgendwie das Geschäft und damit die Laune vermiest zu haben schien, weswegen wir uns lieber damit begnügten, unter der Mauer durch zum Hafen und dann links am Ende auf die Mauer und derlei Dinge zu tun.

Lest nächste Woche, ob wir doch noch unser Zeug bekamen, ob wir einen Zug bekamen, was es mit DEM VIECH auf sich hat und ob es einen Bus von Kaunas nach Riga gibt.

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One Response to “Da geht´s polisch zu”
  1. Julian Julian sagt:

    Haja, das waren schon Zeiten. Und der Beginn meines Daseins als Oschtkartoffel.

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