Veröffentlicht von Sermin am8. Sep 2009
Ergenekon – Mythische Urheimat der Türken oder gefährlichste Geheimorganisation der Türkei?
19. Januar 2007. Vor dem Redaktionsgebäude der Zeitschrift Agos in Istanbul, wird der Gründer der Zeitschrift, Hirant Dink ein armenischer Publizist, auf offener Straße erschossen. Zuvor wurden ihm und anderen bekannten Schriftstellern wie Orhan Pamuk, in der Türkei der Prozess gemacht. Der Vorwurf lautete nach Paragraph 301: Verunglimpfung des Türkentums und des Militärs. Der Rechtsanwalt Kemal Kerinczis brachte die Schriftsteller vor Gericht. Während der Verhandlung von Hirant Dink tauchten bekannte Persönlichkeiten auf, denen an der Verurteilung Hirant Dinks viel gelegen war. Veli Kücük, der angebliche Gründer des JITEM und pensionierter Brigadegeneral habe vor der Ermordung Hirant Dinks telefonischen Kontakt zu ihm gehabt und ihm gedroht so die FAZ im Januar 2008. JİTEM ist die Bezeichnung für den Geheimdienst der türkischen Gendarmerie, dessen Existenz offiziell geleugnet wird und dessen Namen häufig im Zusammenhang mit Verbrechen fällt, die in der Türkei dem “tiefen Staat” zugerechnet werden. Diese zwei Personen die im Prozess Dink öffentlich eine Rolle gespielt haben, sind nur einige wenige die der Geheimorganisation Ergenekon angehören.
Im Oktober 2008 hat der Prozess, gegen 86 mutmaßliche Mitglieder der Geheimorganisation begonnen und hält bis heute an. Ihnen wird vorgeworfen eine bewaffnete terroristische Organisation gegründet und unterhalten zu haben und das Ziel zu verfolgen, die türkische Regierung zu behindern und zu stürzen. Ein Mammut-Prozess, der mich, auch wenn mir der Vergleich nicht zusteht da es vor meiner Zeit war, an die Nürnberger Prozesse erinnert. Die Verschwörung zur Ermordung zahlreicher prominenter Intellektueller und Politiker führte sehr wahrscheinlich dazu, dass ein junger nationaler der im weitesten Sinne mit der Organisation in Kontakt stand, Hirant Dink mit zwei Schüssen in den Kopf und einem Schuss in den Hals tötete. Auf der Anklagebank sitzen viele pensionierte Offiziere, Polizeiführer und andere große Persönlichkeiten des Geheimbundes. Zwei von ihnen haben sich durch Suizid bereits vor der Verhandlung gedrückt und andere ließen sich aufgrund schwerwiegender Krankheiten in ein Militärkrankenhaus einliefern, um den Prozess zu vermeiden und der öffentlichen Anklage zu entgehen.
Ihre Vorgehensweise ist keine neue, sie stiften das Volk an und üben eine ungeheuere Macht in Politik, Militär und Medien aus. In Acht Razzien hat die türkische Polizei nicht nur Mitglieder verhaftete, sondern auch das komplette Arsenal an Sprengstoff und andere Waffen sichergestellt. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan (AKP) sagte einst, dass der „Staat im Staate“ auf türkisch „derin devlet“, eine nicht zu leugnende Realität sei. Es habe ihn seit dem Osmanischen Reich gegeben. Es ginge darum, ihn zu minimieren und wenn möglich, auszuschalten. Diese Tatsache führte in der Türkei zum wahrscheinlich größten und spektakulärsten Verfahren seit der Gründung der Republik. Ein Verfahren, das nicht nur für alle Gläubigen eine große Rolle spielt, sondern für alle die ihre Republik, die Demokratie lieben. Hirant Dink kämpfte und viele anderen kämpfen bis heute noch in der Türkei dafür, dass es demokratischer wird und bleibt. Dieser von Ergenekon ausgeübte „Kemalismus“ hat nichts mit dem ideellen Erbe Kemal Attatürks gemein. Seine Prinzipien beruhten auf demokratischem Gedankengut. Er forderte einen säkularisierten Nationalstaat, eine Republik. Keinen Staat der von bewaffneten intoleranten Nationalen geführt wird. Hirant Dink fühlte sich als Türke und er war Türke. Obwohl er wusste, dass er in Gefahr war, ignorierte er den Hass der sein Leben in Gefahr brachte.
Ironischerweise, sind es gerade die Anhänger Ergenekons, die mit der roten Flagge und dem Mondstern wehen, obwohl sie doch dabei sind den Staat zu sabotieren. Letztendlich ist es ein Schritt in die richtige Richtung, dass falscher Nationalstolz, der Göktürk („Himmelstürke“) der nicht existiert, in der Türkei zur Rechenschaft gezogen wird. Denn wie wir wissen, hat übermäßiger Nationalstolz in unserer mannigfaltigen Welt keinen Platz!
Historisch gesehen hat dieser Prozess also einen wichtigen Stellenwert in der Türkei. Scheint es nicht so, als käme der türkische Rechtstaat endlich auf seine Kosten? Nicht nur, dass Gerechtigkeit weilt, auch die Tatsache, dass das Militär in Zukunft an Macht einbüßen muss, stimmt mich übermütig vor Glück und Schadenfreude. Ob Pazifist oder nicht, der Militärstaat-Türkei scheint sich in Luft aufzulösen. Auch wenn ich nicht behaupten kann ein Fan von Ministerpräsident Erdogan zu sein, so kann ich doch behaupten dass das heraushalten des Militärs aus der Politik ganz offensichtlich auf sein Konto geht. Ist es nicht so, dass sowohl Gut als auch Böse einen notwenigen Platz in der Ganzheit haben? Denn ohne das dauernde Spiel zwischen Gegensätzen würde die Welt aufhören zu existieren, so der griechische Philosoph Heraklit. Dem muss ich mich zweifellos anschließen und behaupten: Der Ergenekon Prozess ist mehr als nur eine historische Gerichtsverhandlung gegen eine terroristische Geheimorganisation. Es ist mehr als ein Zeichen des Rechtsstaates, so viele angesehene, mächtige Männer vor Gericht zu stellen. Es ist eine Ära die zu Ende geht. Das Militär hat ausgedient. Es wurde endlich Zeit!





Guter Bericht!
wenn auch etwas olivgrün angehaucht